Selten war die deutsche Präsenz in der National Football League so breit aufgestellt wie zum Start der Saison 2026. Rund elf Spieler mit deutschem Hintergrund lassen sich zum Auftakt einem der 32 Teams zuordnen, drei davon stehen im aktiven 53-Mann-Kader. Das Aushängeschild bleibt Amon-Ra St. Brown, dahinter wächst eine Generation nach, die über Draft, Practice Squad oder das International Pathway Program den Sprung in die beste Football-Liga der Welt geschafft hat.
Nach drei Spieltagen lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie die deutschen Profis in die neue Spielzeit gestartet sind.
Amon-Ra St. Brown: Der Star liefert von Beginn an
Wer die Detroit Lions verfolgt, kennt das Bild: Wenn es eng wird, sucht Quarterback Jared Goff seinen Nummer-eins-Receiver. Daran hat sich auch 2026 nichts geändert. In den ersten beiden Partien fing St. Brown 19 Pässe für 209 Yards und vier Touchdowns und lag damit ligaweit an der Spitze bei den Receptions. Am dritten Spieltag kam beim 31:24-Heimsieg gegen die New York Jets ein weiterer Touchdown dazu, auch wenn die Ausbeute mit vier Fängen für 19 Yards diesmal überschaubar blieb. Mit fünf Touchdowns nach drei Spielen hat der Deutsch-Amerikaner aber bereits einen Großteil der Vorsaison-Marke erreicht.
Die Vorsaison war individuell ohnehin herausragend: 117 Receptions, 1.401 Yards und elf Touchdowns in 17 Spielen, obwohl die Lions überraschend die Playoffs verpassten. Auch der Saisonstart 2026 verlief für Detroit holprig, vor allem die Defensive, die verletzungsbedingt ohne ihre beiden Stamm-Safeties auskommen musste, kassierte in den ersten Wochen viele Punkte. St. Brown nahm dabei ausdrücklich auch die Offensive in die Pflicht. Das Team müsse schneller ins Spiel finden und länger den Ball kontrollieren, um die eigene Verteidigung zu entlasten, sagte er vor dem Jets-Spiel. Gleichzeitig zeigte er sich überzeugt, dass die Mannschaft ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft habe.
Für deutsche Fans steht der Höhepunkt der Saison bereits fest: Am 15. November 2026 treffen die Lions in München auf die New England Patriots. Es ist das dritte reguläre NFL-Spiel in der bayerischen Landeshauptstadt und das erste, bei dem mit St. Brown der bekannteste Spieler mit deutschen Wurzeln auf dem Feld steht.
Marlin Klein: Die Überraschung aus Köln
Die größte deutsche Geschichte des Sommers schrieb Marlin Klein. Der gebürtige Kölner, der am College für die Michigan Wolverines spielte und dort 2023 die nationale Meisterschaft gewann, wurde im Draft 2026 in der zweiten Runde an 59. Stelle von den Houston Texans ausgewählt. Nach überzeugenden Auftritten in der Preseason überstand der 1,98 Meter große Tight End die Kaderreduzierung und gehört zum aktiven Aufgebot.
Statistisch steht Klein noch am Anfang, nach den ersten beiden Spieltagen wurde ein Catch für 16 Yards notiert. Für einen Rookie auf seiner Position ist das keine Überraschung, denn Tight Ends werden in der NFL häufig zunächst als Blocker eingesetzt, bevor sie im Passspiel eine größere Rolle erhalten. Genau hier liegt Kleins Stärke: Er gilt als vielseitiger Spieler mit soliden Blocking-Fähigkeiten, der sich mit der Zeit auch als Anspielstation empfehlen kann.
Brandon Coleman: Fester Bestandteil der Commanders-Line
Weniger im Rampenlicht, aber nicht weniger wichtig ist Brandon Coleman. Der Offensive Lineman wurde 2024 von den Washington Commanders in der dritten Runde gedraftet und hat sich seitdem etabliert. Schon in seiner Rookie-Saison bestritt er 16 von 17 Spielen, im vergangenen Jahr rückte er nach der Verpflichtung von Laremy Tunsil auf die Position des Left Guards.
In seinem dritten Profijahr geht es für ihn darum, aus Potenzial dauerhafte Verlässlichkeit zu machen. Sein Rookievertrag läuft bis einschließlich 2027, jede starke Saison verbessert also seine Position für die nächsten Verhandlungen.
Die Wartenden: Practice Squad als Sprungbrett
Hinter dem Trio stehen mehrere Deutsche, die über die Practice Squads ihrer Teams auf ihre Chance warten. Dazu gehören Lorenz Metz bei den New England Patriots, Paul Rubelt bei den Tampa Bay Buccaneers, Kilian Zierer bei den Jacksonville Jaguars sowie Julius Welschof, Niklas Henning und Kicker Lenny Krieg. Zierer durfte in der Preseason sogar starten, Rubelt spielte gegen Kansas City sämtliche offensiven Snaps und erhielt ein ausdrückliches Lob von Head Coach Todd Bowles.
Practice-Squad-Spieler können im Laufe der Saison jederzeit in den aktiven Kader befördert werden, etwa wenn sich Stammspieler verletzen. Die Erfahrung zeigt, dass gerade bei Offensive Linemen solche Chancen häufiger kommen, als man vermuten würde.
Nicht mehr im Kader steht dagegen Equanimeous St. Brown, der ältere Bruder von Amon-Ra. Der Wide Receiver absolvierte im Sommer ein Probetraining bei den Indianapolis Colts, hat aber bislang kein neues Team gefunden.
Football am Sonntagabend: Ein deutsches Ritual
Die wachsende Zahl deutscher Profis spiegelt sich auch im Publikum wider. Die frühen Sonntagsspiele beginnen hierzulande um 19 Uhr, die späteren Partien ziehen sich bis tief in die Nacht, und für viele Fans gehört das Mitfiebern längst zum festen Wochenrhythmus. Zum Erlebnis gehört für einen Teil des Publikums auch der Tipp auf das eigene Team, etwa darauf, ob St. Brown erneut in die Endzone trifft.
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Ausblick: Die Saison hat gerade erst begonnen
Drei Spieltage sind in einer NFL-Saison mit 17 Partien nicht mehr als ein erster Eindruck. Für Amon-Ra St. Brown deutet vieles darauf hin, dass er erneut zu den produktivsten Receivern der Liga gehört, die Frage ist eher, ob die Lions als Team konstanter werden. Marlin Klein wird in Houston Schritt für Schritt mehr Verantwortung bekommen, Brandon Coleman soll in Washington weiter reifen, und im Hintergrund warten gleich mehrere Deutsche darauf, dass sich ihre Tür zum aktiven Kader öffnet.
Spätestens am 15. November in München dürfte die deutsche NFL-Geschichte dieses Jahres ihren emotionalen Höhepunkt erreichen.
Frank Schulze - 01.10.2026

Equanimeous St. Brown spielte zuletzt für die New Orleans Saints, aktuell aber ohne NFL-Vertrag (© Getty Images)
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