Schon vor Saisonbeginn war bekannt, dass der diesjährige Spielplan von Notre Dame zu den schwächsten des Landes gehörte – ein potenzielles zweischneidiges Schwert für die "Fighting Irish". Einerseits ist der Weg in die College Football Playoffs klar vorgezeichnet; andererseits könnten Niederlagen in den wenigen Duellen gegen Top-Gegner – genau wie im Vorjahr – in der Rangliste teuer zu stehen kommen, da es kaum Gelegenheiten gibt, bei den Abstimmenden des Playoff-Selection-Komitees wieder Boden gutzumachen. Nach vier Spielen haben die auf Rang 3 geführten "Irish" ihre Hausaufgaben gemacht: Sie haben nicht nur ihre ersten vier Partien gewonnen, sondern dies auch auf dominante und überzeugende Weise getan. Wenn es darum geht, wo Notre Dame aktuell im Kreis der College Football Teams einzuordnen ist, stellt sich für viele die Frage: Was haben wir über das Team gelernt? Man könnte sagen, Notre Dame habe noch gegen keinen nennenswerten Gegner gespielt – aber es ist dennoch aussagekräftig, wenn man eine Reihe von Außenseitern förmlich überrollt. Es bleibt die offene Frage, wie sie sich gegen Teams auf Playoff-Niveau schlagen würden, aber die Kader, gegen die sie bisher gespielt haben, gehören zumindest – auch wenn es schwache ‚Power Four‘-Kader sind – zur ‚Power Four‘-Kategorie". Sie investieren über 10 Millionen Dollar in ihren Kader. Sie sind der überwiegenden Mehrheit der Teams aus der G6 oder FCS, gegen die sonst gespielt wird, haushoch überlegen. Und sie dominieren diese Gegner nach Belieben. Das verrät zwar nicht exakt, welches Leistungsniveau sie tatsächlich haben, aber es ist definitiv ein Signal: Wenn man jedes ‚Power-Four‘-Team, gegen das man antritt, regelrecht vernichtet, dann verdient Notre Dame durchaus Anerkennung.
Es spricht viel für eine Mannschaft, die ihre Aufgaben jedes Mal, wenn sie das Spielfeld betritt, auf dominante Weise erledigt. Dies ist ein Zeichen für ein Team mit einem hohen Leistungsniveau, gutem Coaching und einem Kader, der voll hinter der vermittelten Spielphilosophie steht.
Für eine Gruppe von 18- bis 22-Jährigen ist es leicht, in einem Spiel gegen einen schwächeren Gegner unkonzentriert zu agieren – doch bislang sind die Irish dieser Falle entgangen. Die Botschaft aus South Bend (die in der Kabine offenbar laut und deutlich angekommen ist) lautet: Man darf dem Playoff-Komitee keinen Zweifel daran lassen, dass man ins Teilnehmerfeld gehört – besonders nachdem man letztes Jahr knapp den Einzug verpasst hatte. Der erste Schritt hierfür ist, jene Gegner zu dominieren, die man dominieren sollte. Genau das tun die Irish bislang in allen drei Spielphasen: Sie ließen Wisconsin, Rice, Michigan State und Purdue keine Chance in Partien, die selten über die Halbzeitpause hinaus spannend blieben.
Eine erstklassige Defensive ist der Grund dafür; auch wenn sich diese Einheit noch nicht gegen einen Spitzenangriff beweisen musste, kann man sie getrost zu den besten Defensivreihen des Landes zählen. Notre Dame belegt den zweiten Platz bei der zugelassenen Punktzahl (8,3 Punkte pro Spiel), den dritten Platz bei den zugelassenen Yards pro Lauf (1,75) und den vierten Platz bei der sogenannten "Havoc Rate" (24 Prozent – ein Maß für defensiven Störfaktor wie Sacks, Tackles for Loss oder erzwungene Ballverluste). Head Coach Marcus Freemans Markenzeichen war schon immer die Defensive, und das diesjährige Team – angeführt von den beiden Cornerbacks Leonard Moore und Christian Gray sowie dem aufstrebenden Pass Rusher Bryce Young – könnte das beste seiner bisherigen Amtszeit sein. Wie sie sich gegen die Spitzenmannschaften schlagen, bleibt abzuwarten, doch ihre Dominanz in den ersten vier Spielen war – selbst unter Berücksichtigung der Stärke der Gegner – spektakulär.
Die Offense ist stark, doch obwohl das Team im Schnitt mehr als 40 Punkte pro Spiel erzielt, scheinen die "Irish" noch nicht ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Quarterback CJ Carr galt vor der Saison 2026 bei vielen als potenzieller Heisman Kandidat, doch er hat die schwächeren Defensivreihen bisher nicht in dem Maße dominiert, wie es für eine Spitzenplatzierung auf den frühen Heisman Ranglisten nötig wäre. Dennoch spielt er mit 963 Passing Yards, neun Touchdowns und nur einer Interception in den ersten vier Spielen gut genug, um sich mit einigen starken Leistungen zum richtigen Zeitpunkt noch ins Gespräch zu bringen. Carr und das Passspiel sind jedoch nicht die entscheidende Frage, die die Offense von Notre Dame beantworten muss.
Die Sorge bei den Irish gilt der Frage, ob ihr Laufspiel dynamisch genug ist, um die nötige Balance gegen Top-Gegner zu gewährleisten. Der Verlust der beiden Running Backs Jeremiyah Love und Jadarian Price – beides Spieler mit Erstrunden Potenzial – hinterließ eine große Lücke; Aneyas Williams und Nolan James Jr. haben ihre Sache bislang zwar ordentlich gemacht, doch es gibt Anzeichen dafür, dass das Laufspiel noch nicht das Niveau erreicht hat, wie es sein sollte. Die "Irish" belegen landesweit den 91. Platz mit einem eher durchschnittlichen Schnitt von 4,08 Yards pro Lauf bei 139 Versuchen. Im Vorjahr lagen sie mit 5,69 Yards pro Lauf noch auf Rang drei und verließen sich im Laufspiel auf die Fähigkeit von Love und Price, für spektakuläre, weite Raumgewinn zu sorgen. Diese Dynamik war bisher noch nicht zu erkennen, was den Druck auf Carr erhöht, für spektakuläre Momente zu sorgen. Bislang hat dies keine Probleme bereitet, da die Defensive zur Spitzenklasse gehört und die Gegner weniger talentiert sind; dennoch ist es bedenklich, dass sich das Team schwertut, gegen schwächere Konkurrenten aus der Big Ten konstant ein starkes Laufspiel aufzuziehen.
Auch wenn die eigentliche Antwort darauf erst im Januar feststehen wird, dürfte das erste Novemberwochenende darüber entscheiden, ob man auch außerhalb von South Bend voll auf dieses Notre Dame Team setzt – oder ob man sich fragt, ob es sich um die altbekannten "Irish" handelt, die eine Stufe unter der absoluten Colllege Football Elite rangieren.
Bevor es soweit ist, stehen für die "Irish" zwei richtungsweisende Spiele an, die weiteren Optimismus wecken könnten – insbesondere im Hinblick auf das Leistungspotenzial der Offensive. Das erste findet an diesem Wochenende gegen North Carolina statt; Notre Dame geht als klarer Favorit (mit einem Vorsprung von drei Touchdowns) in diese Auswärtspartie. Allerdings hat sich die Defensive von Bill Belichick in dieser Saison als äußerst schwer zu überwinden erwiesen und dürfte Carr und sein Team vor einige Herausforderungen stellen.
Die Defensive von Notre Dame sollte dieses Spiel dominieren, doch es bleibt abzuwarten, wie effizient und effektiv die Offensive in ihrem ersten echten Auswärtsspiel der Saison gegen eine solide Abwehr agieren kann. Die Tar Heels werden versuchen, Carr zu Fehlern zu verleiten. Zudem muss das Laufspiel der "Irish" beweisen, dass es eine echte Bedrohung darstellt, um Belichicks Defensive dazu zu zwingen, näher an die Line of Scrimmage zu rücken und so Passfenster für Carr zu öffnen.
Der erste echte Härtetest für die "Irish" steht am 17. Oktober an, wenn sie nach Provo, Utah, reisen, um gegen BYU anzutreten. Die "Irish" gehen als Favorit in das Auswärtsspiel, doch BYU ist – was oft unterschätzt wird – einer der schwierigsten Spielorte des Landes. Insbesondere die Defensive der Cougars wird zeigen, welches Leistungsniveau der Angriff von Notre Dame tatsächlich erreichen kann. BYU-Quarterback Bear Bachmeier stellt die Verteidigung vor eine besondere Herausforderung, und die Cougars dürften zum Zeitpunkt des Gastspiels von Notre Dame noch ungeschlagen sein und zu den Top-10-Teams gehören. Selbst eine starke Leistung in Provo wird nicht alle Kritiker überzeugen; die meisten Skeptiker dürften erst am 7. November umgestimmt werden, wenn die Irish das Team aus Miami empfangen. Diese Mannschaft scheint ebenso stark – wenn nicht sogar stärker – zu sein als das Team des Vorjahres, das Notre Dame besiegte und bis in dass nationale Meisterschaftsspiel einzog. Der Angriff der Hurricanes ist zweifellos die stärkste Einheit, auf die die Defensive von Notre Dame in dieser Saison treffen wird. Die hochgelobte Secondary der Irish wird alle Hände voll zu tun haben, um Malachi Toney – einen der dynamischsten Receiver des Landes – sowie das von Quarterback Darian Mensah angeführte, erstklassige Passspiel in Schach zu halten.
Besonders faszinierend an dieser Begegnung ist, dass sie für beide Teams das entscheidende Spiel der Saison darstellen wird, da Miamis Spielplan derzeit noch weniger Gegner aus den Top-Ranglisten vorsieht als der von Notre Dame. Dies wird die Intensität und den Erfolgsdruck auf beiden Seiten erhöhen: Der Sieger verschafft sich eine gute Ausgangslage für ein Freilos in der ersten Playoff-Runde, während der Verlierer weiß, dass sein Spielraum für Fehler auf dem Weg in die Playoffs minimal bis nicht vorhanden ist – insbesondere bei einer deutlichen Niederlage. Nach dem Spiel gegen Miami müssen sich die Irish Ende November in South Bend gegen SMU behaupten. Dies ist die einzige weitere Partie, die ihnen gefährlich werden könnte, doch bis dahin sollten wir bereits genau wissen, wozu dieses Team der Irish in der Lage ist.
Schlüter - 01.10.2026

Head Coach Marcus Freeman und #8 S Adon Shuler (Notre Dame Fighting Irish) freuen sich auf die nächsten Gegner. (© Getty Images)
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