Heimpremiere unter Druck

Matthew Stafford und die Rams müssen aufpassen und einen Fehlstart vermeiden. Nach Europa-Spielen der NFL gibt es ja häufiger beim Verlierer die Ausrede, die Reisestrapazen wären (mit) schuld - allen Beteuerungen der Liga (und der Clubs im Vorfeld) zum Trotz, wie toll die Erfahrung dieser Highlight-Spiele ist. Noch öfter kommt dies bei den Brasilien-Spielen vor, obwohl es da ja von den Zeitzonen her weniger Thema sein sollte. Nach der krachenden Niederlage der Los Angeles Rams im australischen Melbourne gegen die 49ers hätte man sich da also auf einiges gefasst machen können - und die US-Medien hatten so etwas wohl auch erwartet und die Kritik einfach schon mal vorweg genommen.

Doch der heftigen Medienkritik an dem engen Zeitplan der Rams, die erst 28 Stunden vor dem Kickoff in Australien gelandet waren, widersprachen Head Coach Sean McVay und Star-Verteidiger Myles Garrett: Die Reisestrapazen wollten sie öffentlich als Ausrede für die deutliche Niederlage nicht gelten lassen. McVay betonte unmittelbar nach dem Spiel, dass mangelnde sportliche Ausführung und Fehler im Coaching ausschlaggebend waren, nicht der Jetlag. Garrett akzeptierte, dass die logistischen Entscheidungen der Rams zu diesem Reiseplan so getroffen wurden, wie sie waren, als Spieler nehme er hin, wie das Management dies organisiere. Für ihn besonders bitter: Im Spiel zeigte sich, dass eine Knieverletzung aus der Vorbereitung nun doch eine Operation notwendig macht, was ihn wohl um die vier Wochen an die Seitenlinie verbannt.

Den seitens McVay pflichtschuldigen und seitens Garrett eher "neutralen" Einschätzungen in Australien folgte später nach der Rückkehr auf US-Boden eine Präzisierung McVays, die doch tieferen Einblick in die Gemütslage zulassen könnte. Aus seinem generellen Frust über die organisatorischen Rahmenbedingungen machte er da keinen Hehl und erklärte unmissverständlich, dass er hoffe, mit dem Team nie wieder ein Spiel in Australien bestreiten zu müssen. Das wird auf ihn so bald nicht zukommen. Theoretisch wären die Rams für einen Australien-Ausflug ja erst in den 40er Jahren wieder an der Reihe, wenn Australien-Spiele zur Regel werden und die Beteiligung gerecht verteilt wird. Praktisch allerdings sind Westküsten-Teams eher prädestiniert, diesen Mega-Trip anzutreten.

Für den Moment jedenfalls kann sich McVay nun auf anderes konzentrieren. Nach dem enttäuschenden Saisonauftakt im fernen Australien stehen die Rams schließlich schon ein wenig unter Zugzwang. Bis zum Montagsspiel im heimischen Stadion gegen die New York Giants gab es immerhin Zeit, an den Schwachstellen zu arbeiten, die sich offenbart hatten. Der Ausfall von Garrett dürfte das ungemein erschweren. Erst vier Tage vor dem Spiel hat nun Aaron Donald erstmals am Training teilgenommen, der ehemalige Superstar der Rams-Defense will nach zwei Jahren NFL-Pause nun zum Einsatz bereit sein. Dass er Garrett vollständig ersetzen könnte, wird vermutlich er selbst kaum zu hoffen wagen - nicht ohne Grund hatte der nun 35-Jährige schließlich vor zwei Jahren aus Altersgründen aufgehört.

Die Gäste aus New York, die unter ihrem neuen Head Coach John Harbaugh mit Rückenwind und einem prestigeträchtigen Sieg gegen die Dallas Cowboys im Gepäck nach Kalifornien reisen, könnten als Underdog kaum unbequemer sein. Für die ambitionierten Rams, die im Vorfeld der Spielzeit von vielen Experten zum engen Favoritenkreis gezählt wurden und bei den Buchmachern klarer Super-Bowl-Top-Favorit waren, gilt die Partie vor heimischer Kulisse als recht gefährliche Standortbestimmung, die auch in einem klassischen Fehlstart münden könnte.

Im Zentrum der Aufarbeitung steht die Offense um den amtierenden Liga-MVP Matthew Stafford. Dem erfahrenen Quarterback gelang es im Eröffnungsspiel zu selten, Rhythmus aufzunehmen, was zu einer mageren Ausbeute von unter 200 Passing Yards führte. Ein Hauptproblem lag in der mangelnden Abstimmung mit den Receivern, die die von den 49ers zugestellten tiefen Passrouten nicht nutzen konnten. Für McVay sind nun vielleicht eher schnelle, kurze Pässe die Wahl, um Stafford mehr Sicherheit zu geben und an seine starke Saison 2025 anknüpfen zu lassen. Zudem gilt es, das Laufspiel über Kyren Williams wieder als verlässliche Komponente nutzen zu können, um den Druck vom Passspiel zu nehmen.

Kritisch beäugt werden dürfte am Montagabend auch die neu formierte Offensive Line, die erstmals vor eigenem Publikum den Ernstfall erlebt. Gegen einen aggressiven Pass Rush der Giants muss sie deutlich stabiler als in Melbourne agieren. New York könnte an der Linie durchaus das Zeug dazu haben, an der einen oder anderen Stelle individuelle physische Überlegenheit auszuspielen. Sollte es der Line der Rams nicht gelingen, diese Angriffe frühzeitig abzufangen, droht dem Passspiel der Rams erneut die Lähmung. Die Hoheit an der Line of Scrimmage müssen die Rams einfach irgendwie bekommen.

Auch auf der defensiven Seite des Balles - und da blieb man im ersten Saisonspiel komplett ohne Quarterback Sack, was angesichts des Neuzugangs vom 2025er Rekord-Quarterback-Jäger Garrett so gar nicht den Erwartungen entsprach. Nun hat man gegen New York und Jung-Quarterback Jayson Dart da vielleicht die größeren Chancen, geht aber personell dezimiert ins Spiel. Favorit sind die Rams schon noch, die Mannschaft verfügt über die individuelle Klasse und die taktische Tiefe, um auf die Fehler der Vorwoche zu reagieren und vor den eigenen Fans ein anderes Gesicht zu zeigen. Aber die erwartete Übermacht des in der Offseason so dramatisch aufgepeppten Kaders muss sich erst noch zeigen.

Daniel Weber - 21.09.2026

Matthew Stafford und die Rams müssen aufpassen und einen Fehlstart vermeiden.

Matthew Stafford und die Rams müssen aufpassen und einen Fehlstart vermeiden. (© Getty Images)

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