Der erste komplette Spieltag der diesjährigen College-Football-Saison lief so, wie erste Spieltage für gewöhnlich laufen: Es gab eine Fülle von "Mismatches" mit geringem Erkenntnisgewinn plus ein paar Leckerbissen. Zu letzteren gehörten Oregons hart erarbeiteter 34:27-Sieg gegen Boise State, die wilde zweite Halbzeit bei Mississippis 41:38-Erfolg gegen Louisville und die letzten Sekunden bei Michigans gerade noch abgewendeter Blamage gegen Western Michigan (13:12-Sieg durch einen Verzweiflungspass bei ablaufender Spielzeit). Die größte Auswirkung auf den weiteren Verlauf der Saison dürfte aber ein Spiel haben, das überhaupt nicht spannend war, LSUs 51:10-Sieg gegen Clemson. Der mit Spannung erwartete erste Auftritt der Tigers unter ihrem neuen, polarisierenden Head Coach Lane Kiffin setzte ein deutliches Zeichen. Nach Jahren der immer wieder enttäuschten Erwartungen scheint das Team in dieser Saison wirklich bereit zu sein, um zum ersten Mal seit dem Titelgewinn von 2019 wieder ganz vorn mitzuspielen. Das muss es auch. Die Erwartungen der Fans des viermaligen National Champions sind hoch, und die Universität hat viel Geld in die Hand genommen, um Kiffin zu bekommen (angeblich 13 Millionen Dollar pro Saison) und ihm einen Kader mit Playoff- und Titel-Potenzial bereitzustellen.
So viel vorweg: Kiffin liebt das Rampenlicht und den medialen Rummel um seine Person und "füttert die Bestie" nur allzu gern - wie in den Tagen vor dem ersten Spiel gegen Clemson, als er beabsichtigte, zwei Spieler seines letztjährigen Kaders bei Mississippi (TE Dae'Quan Wright und DT Zxavian Harris) nach deren erfolglosen NFL-Abstecher in den Kader der Tigers zu holen, nachdem ein Gericht in Louisiana eine neue Regel der SEC, die dieses verbieten sollte, "gekippt" hatte. Letztlich machte LSU einen Rückzieher, fürs erste zumindest, aber die Geschichte war der Aufreger kurz vor dem Saisonstart. Was durch Kiffins Eigenwilligkeit leicht übersehen wird, ist, dass er inzwischen ein richtig guter Coach ist. Vor allem versteht er es, Teams mental umzukrempeln, ihnen eine Siegermentalität zu vermitteln. Das war in seiner Zeit als Head Coach von Florida Atlantic (2017 bis 2019) so, als er ein Team, das zuvor acht Jahre in Folge keine "Winning Season" mehr erlebt hatte, zu zwei Conference-Titeln in drei Jahren führte, und anschließend als Head Coach von Mississippi (2020 bis 2025) auch, als er mit den Rebels, die jahrzehntelang nur im Mittelmaß der SEC zu Hause waren, viermal mindestens zehn Siege holte und 2025 für deren Erreichen des Halbfinales der Playoffs und ihre beste Abschlussplatzierung seit 1962 (Dritter bei AP und den Coaches) verantwortlich war.
Am Samstag gegen Clemson wirkte auch LSU runderneuert. Abgesehen von einem kleinen "Wackler" zu Beginn (Interception), der Clemson die 3:0-Führung ermöglichte, dominierte LSU die Partie. Die Tigers machten wenig Fehler, dominierten an der Line of Scrimmage und waren konsequent und effizient in Third-Down-Situationen (11 neue First Downs bei 16 Third Downs) und in der gegnerischen "Red Zone" (vier Touchdowns bei vier Vorstößen in selbige). Natürlich muss man zum jetzigen Zeitpunkt noch vorsichtig sein. Clemson war erschreckend schwach, und die starken Gegner kommen erst noch, der erste übrigens am übernächsten Samstag (19.9.), wenn LSU bei Kiffins letztem Arbeitgeber Mississippi antritt, und der stellt, wie man an dessen zweiter Halbzeit gegen Louisville sehen konnte, für LSUs Abwehr eine ganz andere Herausforderung dar.
In Bezug auf Clemson ist die Erkenntnis aus der Niederlage in Baton Rouge, dass die Zeit für Head Coach Dabo Swinney wohl doch abläuft. Das gegen LSU war keine einfache Niederlage, es war eine Demütigung. Für Swinney war es die höchste Niederlage in 241 Spielen als Head Coach der Tigers. Und geradezu erschreckend war das leblose Auftreten seiner Mannschaft. Sein Fall droht mal wieder einer zu werden, in dem einer, der einst ganz oben auf der Erfolgsleiter stand, den richtigen Moment verpasst hat, um ehrenvoll abzutreten. Unter Druck steht Swinney schon länger. Seit dem letztmaligen Erreichen der Playoff Semifinals in der Saison 2020 hat die Mannschaft Stück für Stück den Anschluss an die Spitze verloren. Drei "Ten Win Seasons" und zwei Conference-Titel in den fünf Spielzeiten 2021 bis 2025 sind zwar immer noch ein gutes Ergebnis, aber die Ansprüche bei Clemson sind seit der Blütezeit des Teams unter Swinney in den Jahren 2015 bis 2020, als man immer die Halbfinals erreichte, zweimal (2016 und 2018) National Champion wurde und zwei weitere Male (2015 und 2019) das Finale erreichte, eben andere.
Kritiker werfen Swinney vor allem vor, dass er mit den veränderten Rahmenbedingungen seit 2021 fremdelt, bis heute die Möglichkeiten, über das Transfer-Portal und mit Geld den Kader gezielt zu verstärken, kaum nutzt. Deshalb verliert Clemson schon in der eigenen Conference, der ACC, den Anschluss. Aktuell ist der größte Konkurrent des ACC-Favoriten Miami nicht mehr Clemson, es sind Teams wie Louisville, SMU oder Virginia, und das vor allem, weil diese das Transfer-Portal zu nutzen verstehen. Vielleicht kriegt Clemson nach dem Schock von Baton Rouge nochmal die Kurve, so wie vor zwei Jahren, als es nach einem verpatzten Saisonstart noch einmal ACC Champion wurde und die erweiterten Playoffs erreichte. Wenn es so kommt, sollte Swinney die Chance zum ehrenvollen Abschied nutzen.
Hoch - 08.09.2026
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