Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Otto FrickeVor der am Sonntag anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sprechen Christian Schreiber (46), LSB-Vorstandsvorsitzender in dem Bundesland, und sein DOSB-Pendant Otto Fricke (60) über den Umgang mit politischem Extremismus und die Kraft, die der Sport in solchen Situationen braucht – und hat. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt der neue Landtag gewählt.

Die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind in der gesamten Republik ein wichtiges Thema. Christian, mit welchen Gefühlen schaust du persönlich nach dem monatelangen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt auf den 6. September?

Christian Schreiber:
Bei uns hat sich das Gefühl exponentiell verstärkt, dass wir wegen des sehr intensiven Austauschs im Verband über die vergangenen Monate an einem Punkt sind, wo wir spüren: Es braucht jetzt einen Abschluss. Gefühlt befinden wir uns in einem intensiven Endspurt, der Wahlkampf ist lauter als sonst. Jeder hatte die Chance, sich ein Bild zu machen, wie sich die Parteien positionieren und äußern. Das Szenario wird, da müssen wir nicht drumherum reden, davon geprägt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, aber in den Umfragen deutlich führt. Jetzt brauchen wir die Wahl und die Ergebnisse, damit wir damit arbeiten können.

Ihr habt über Monate den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt verfolgt. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Christian Schreiber:
Wir haben uns als Landessportbund viele Gedanken gemacht, uns sehr intensiv mit den Positionen der Parteien auseinandergesetzt. Ich bin ja nicht nur Geschäftsführer im LSB, sondern auch Sachsen-Anhalter, ich lebe in Halle und spüre, dass es ein Wahlkampf ist, der anders ist als vorherige, weil die AfD in Umfragen so weit vorn liegt, dass es zu einer parlamentarischen Mehrheit reichen könnte. Das gesellschaftliche Klima ist angespannter als sonst. Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik ist immens. Das Spannungsfeld reicht von "Ich würde der aktuellen Politik keine guten Noten geben, aber wähle nicht AfD" bis hin zu "Ich bin aus Überzeugung loyaler Follower der AfD". Wir nehmen dieses Spannungsfeld überall wahr, sehen die Aufläufe an den Wahlständen. Das erzeugt ein Gefühl von Ungewissheit, und das ist unangenehm. Diese Stimmung ist greifbar.

Ihr habt euch auch konkret eingebracht, habt zwölf plus zwei Wahlprüfsteine an alle derzeitigen Fraktionen des Landtages sowie das BSW gesendet und sportpolitische Forderungen gestellt. Was sind eure Erkenntnisse bisher?

Christian Schreiber:
Unsere Kreis-/Stadtsportbünde sowie Fachverbände und Vereine wollten wissen, wie wir uns positionieren. Wir haben mit allen Parteien dazu gesprochen, zunächst ohne AfD und BSW, später auch konkret mit ihnen. Basierend auf deren Wahlprogrammen haben wir ihnen weitere konkrete Fragen gestellt. Alle Parteien haben die Wahlprüfsteine beantwortet, bis auf das BSW auch sehr fundiert und detailliert. Wir haben alles umfassend auf unserer Homepage veröffentlicht, weil wir das Gefühl hatten, dass wir als Dachverband diese detaillierte Arbeit leisten müssen. Bei der AfD bestehen gerade bei den Themenbereichen Integration und Inklusion große Fragezeichen, ob das mit den Werten des Sports, wie wir sie kennen und schätzen, vereinbar ist. Das ruft bei vielen Befürchtungen hervor, bei manchen auch Ängste. Gleichzeitig schreckt es uns nicht ab, uns damit auseinanderzusetzen, wir stellen umso mehr die notwendigen Fragen. Es werden mit Aussagen wie "Integrationskonzept gescheitert" Bilder gezeichnet, die eine extreme Separierung von Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund befürchten lassen. In Interviews wird das zwar relativiert, aber daran merkt man die Unklarheiten von AfD-Politikern, die bestehen.

Wie kann und wie sollte sich der Sport bezüglich der anstehenden Wahlen positionieren, warum ist eine Positionierung wichtig?

Otto Fricke:
Weil sie Sicherheit und allen Beteiligten im Sport das Gefühl gibt: Wenn ich mich an diese Richtlinien halte, bin ich nicht allein. Gemeinschaft ist das, was den Sport ausmacht. Mit einer Positionierung bildet der Sport ein Bollwerk gegen Angriffe von außerhalb der demokratischen Ordnung. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir uns gegen jeglichen Extremismus positionieren, um bei allen Diskussionen sagen zu können: Wenn es sich um Extremismus handelt, der sich gegen unsere Grundwerte richtet, gehen wir dagegen vor!

Christian Schreiber:
Wir haben uns gegen jegliche Form von Extremismus positioniert und konnten das Gefühl vermitteln, dass wir gut vorbereitet sind und uns intensiv mit der Thematik beschäftigen. Wir sind, das spiegeln uns unsere Kreise und Verbände, eine Art Gatekeeper. Wir wissen, wie das Stimmungsbild ist, aber wir fragen niemals ab, wer was wählt, wie wir auch keinen Unterschied machen zwischen Hautfarbe oder Dialekt. Eine Positionierung hat die wichtige Bedeutung, dass wir weiterhin fest zu unseren Werten stehen. Diese stehen schon lange Zeit bei uns in Paragraf zwei unserer Satzung sowie in unserer Richtlinie für gute Vereinsführung. In einer gemeinsamen Sitzung mit dem Vorstand unserer Sportjugend haben wir die Gruppe gebildet, die in Krisensituationen geschlossen agiert, und in diesem Kreis beschlossen, dass wir mögliche Streitpunkte ausdiskutieren, um mit einem umfassenden Mandat antreten zu können.

Wer nicht Teil des Wahlkampfes in Sachsen-Anhalt ist, bekommt manchmal das Gefühl, dass es zu wenige Möglichkeiten echten Dialogs zwischen Menschen mit gegensätzlichen politischen Ansichten gibt. Welche Dialogmöglichkeiten sollte der Sport bieten, und welche gab es in Sachsen-Anhalt konkret?

Christian Schreiber:
Ich teile diese Prämisse nicht. Wir haben uns im Februar in einer Klausur mit Präsidium und Vorstand verständigt, dass wir tiefer in die Fläche gehen. Der Sport hat immer wieder Möglichkeiten geboten, dass sich Menschen mit verschiedenen Positionen in einem Raum treffen. Dort wurde auch mal zugehört, das ist das wichtigste Tool, um Konflikte auszuhalten. Das ist nichts, was wir den Vereinen sagen müssen, das ist ein gemeinsames Verständnis. Denk- und Kontaktverbote, die von Medien immer wieder suggeriert werden, sorgen für eine gefühlte Verengung in der Meinungsäußerung, obwohl es faktisch keine Einschränkungen gibt. Im Sport ist man zusammengekommen und hat darüber gesprochen. Es ist aber nicht die Aufgabe des Sports, die Mitglieder zusammenzurufen und statt gemeinsamen Sporttreibens über Politik zu diskutieren, gleichzeitig ist dies aber möglich. Generell sind wir jedoch kein geeignetes Instrument für politischen Aktivismus.

Otto Fricke:
Das wäre ungefähr so, als wenn wir Menschenrechtsaktivisten dazu auffordern würden, dass sie mal mehr Sport treiben sollten, weil wir uns für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben. Sport bietet, gerade im Teamsport, immer Nähe, man kommt nah an andere Menschen heran, berührt sie im wahrsten Wortsinn. Alle Kontaktverbote führen dazu, dass die Kameradschaft, die im Sport üblich ist, kaputt gemacht wird. Niemand muss sich zu politischen Themen äußern, aber eine Offenheit dafür, vernünftig miteinander zu reden, ist dem Sport immanent. Nähe sollte immer möglich sein.

Schlüter - 01.09.2026

Otto Fricke

Otto Fricke (© Pressefoto / Kaufels )

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