Die Cleveland Browns haben auch ihr zweites Preseason-Spiel verloren, was an sich nicht der Rede wert gewesen wäre. Allerdings gab es im Anschluss an die 31:7 Niederlage zu Hause gegen die Buffalo Bills wieder einmal Diskussionen um die Quarterbacks: Starter Shedeur Sanders lieferte eine solide Partie ab und ein noch besseres – fast siebenminütiges – Interview mit News5 während der zweiten Halbzeit.
Deshaun Watson übernahm in der zweiten Halbzeit, war schlecht und wurde von Beginn an ausgebuht, was ihm sichtlich missfiel.
Ein Rückblick: Deshaun Watson hatte sich im Januar 2025 zum zweiten Mal in Folge die Achillessehne gerissen und man ging davon aus, dass er deswegen vermutlich die komplette Saison 2025 verpassen würde. Das löste zumindest den Zwiespalt, ob man trotz schlechter (bis katastrophaler) Leistungen an ihm festhält, weil man ihm 46 Millionen Dollar zahlen muss, oder ihn trotz dieser Summe auf der Bank – oder eher Tribüne oder noch eher zu Hause – sitzen lässt.
Das Debakel seiner Verpflichtung wirkte in den vergangenen Jahren immer noch nach. Die Erinnerung an seine starken Leistungen in Houston verblasst immer mehr, seit der Enthüllung seiner sexuellen Verfehlungen in Kombination mit einer Flut von Anschuldigungen und außergerichtlichen Einigungen (deutlich über 20) war er sportlich nur noch ein Schatten früherer Tage.
Die Browns zauberten damals trotz aller Vorwürfe den immer noch bestdotierten Vertrag – da für die volle Summe garantiert - der NFL-Historie aus dem Hut und hatten ihn so nach Cleveland gelockt. Ursprünglich hatte Watson andere Teams als künftigen Arbeitsort bevorzugt, angesichts dieses Vertragsangebots war sein Ziel klar.
Strafrechtlich wurde er nie verurteilt, zivilrechtlich einigte sich sein Anwalt(steam) über die Jahre mit den Frauen. Die Höhe der geflossenen Gelder wurde dabei wie üblich nicht publiziert (vermutlich blieb aber auch nach Abzug der Anwaltskosten noch die ein oder andere Million pro Jahr übrig zum Überleben).
Sportlich stürzten seine Leistungen bei den Browns jedoch ins Bodenlose ab: 2020 – vor den Vorwürfen – erwarf er noch 4.823 Yards (die meisten der NFL) mit 33 Touchdowns und nur sieben Interceptions bei einer Completion Percentage von 70,2 Prozent.
In Cleveland bestritt er aufgrund einer Supendierung und Verletzungen sechs (2022, 2023) beziehungsweise sieben (2024) Partien, in denen er nie über 1.150 Yards oder sieben Touchdowns hinauskam. Die Completion Percentage lag dabei maximal bei 63,4 Prozent (2024).
Alles Werte, die normalerweise für einen Abschied sprechen würden. Fünf Jahre und voll garantierte 230 Millionen Dollar, die ihm jährlich 46 Millionen Dollar bringen, sprachen dagegen.
Zuletzt betrat er im Oktober 2024 ein NFL-Feld als Stamm-Quarterback der Browns das Spielfeld und die Nachrichten aus dem Camp ließen vermuten, dass er aktuell im Rennen um den Starterposten gegen Shedeur Sanders die Nase vorne hat.
Das könnte sich jetzt in zweierlei Hinsicht ändern: In einer Partie, in der beide Seiten viele Akteure schonten, brachte Shedeur Sanders in der ersten Hälfte 9 von 11 Passversuchen für 74 Yards, einen Touchdown zu Wide Receiver Luke Floriea und eine Interception an. Keinesfalls überragend, aber zumindest durchschnittlich.
Zur Pause kam Watson aufs Feld und wurde sofort mit einem Meer aus Buhrufen trotz eines nur halbvollen Stadions empfangen. Er brachte nur 5 von 12 Passversuchen an ohne Touchdown und mit einer Interception, als er beim Passversuch getroffen wurde.
In der Pressekonferenz erklärte ein sichtlich angespannter Watson zu den Buhrufen: "Ich denke Ihr wisst das und die ganze Welt auch: Es hat nichts mit meiner Leistung zu tun. Es ist etwas persönlicher als das. Ich denke, dass es nicht respektvoll ist.
Ich werde das, was ich fühle, bei mir und meiner Familie lassen, und weitermachen."
"Letztes Mal, als ich auf diesem Feld gespielt habe, habe ich mir meine Achillessehne gerissen. Und genau diese Fanbase hat gejubelt, als ich mich verletzt habe. Was hat das also nur im Geringsten mit meiner Performance zu tun? Wenn sich eine Person verletzt, die für Deine eigene Stadt spielt, und sie jubeln?"
Auf die Frage eines Journalisten, ob er jetzt bedauern würde, überhaupt hierher [nach Cleveland] gewechselt zu sein, antwortete er durchaus bemerkenswert:
"Nein, ich bereue gar nichts in meinem Leben."
Eine Antwort, die womöglich nicht unbedingt mit dem Medienberater abgesprochen oder überhaupt durchdacht war.
Dass Deshaun Watson auch 2027 im Kader der Browns stehen wird, kann man wohl ausschließen, falls er sie nicht gerade in dieser Saison zum Titel führt.
Dann – und wohl nur dann - wäre eine Ausnahme denkbar.
Carsten Keller - 23.08.2026

Die guten Zeiten wie hier beim Pro Bowl sind lange vorbei bei Deshaun Watson (© Carsten Keller)
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