Berlin Thunder hat die erste Saison in der American Football League Europe mit einer knappen 33:36 Niederlage gegen die Panthers Wroclaw beendet. Doch womöglich ging am Samstag im Cantianstadion nicht nur die Saison der Berliner zu Ende. Die lediglich 375 Zuschauer könnten gleichzeitig den letzten Auftritt von Berlin Thunder in seiner bisherigen Form gesehen haben. Hinter der Betreibergesellschaft FBG Football Berlin GmbH läuft ein Insolvenzverfahren, die AFLE hat sich inzwischen ausdrücklich vom bisherigen Management distanziert und die digitale Präsenz des Franchises ist weitgehend verschwunden. Dass die Mannschaft überhaupt noch einmal auflaufen und ihre Saison sportlich beenden konnte, war keineswegs selbstverständlich.
Nur zwei Tage vor dem Saisonfinale hatte die AFLE einen Financial Protection Plan für Berlin Thunder aktiviert. Die Liga erklärte, damit den laufenden Betrieb sowie sämtliche Verpflichtungen gegenüber Spielern, Coaches, Mitarbeitern und Vertragspartnern abzusichern. Noch bemerkenswerter: Das letzte Heimspiel gegen die Panthers Wroclaw wurde vollständig von der AFLE organisiert. Weder die insolvente FBG Football Berlin GmbH noch Insolvenzverwalter Prof. Dr. Torsten Martini waren laut Mitteilung für die Durchführung verantwortlich. Wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Rettungsschirms legte die Liga sogar noch einmal nach und distanzierte sich "vollständig und ohne Ausnahme" vom Management der FBG Football Berlin GmbH sowie dessen Handlungen und Entscheidungen. Spieler, Coaches und Mitarbeiter nahm die AFLE ausdrücklich davon aus. Sie sollten durch den Schutzplan abgesichert bleiben und die Saison ohne weitere Unterbrechung beenden können.
Die Entwicklung ist der vorläufige Tiefpunkt einer langen wirtschaftlichen Geschichte rund um Berlin Thunder. Bereits während der Zeit in der Vorgängerliga hatte es immer wieder Berichte über finanzielle Schwierigkeiten gegeben. In der laufenden Saison verschärfte sich die Situation schließlich erheblich. Nachdem zunächst Masseunzulänglichkeit angezeigt worden war, widerrief das Amtsgericht Charlottenburg mit Wirkung zum 12. August die Eigenverwaltung und bestellte Martini zum Insolvenzverwalter. Wenig später waren die bisherige Webseite von Berlin Thunder und der Instagram Account nicht mehr erreichbar. Die AFLE erklärte dazu auf Anfrage von Football Aktuell, dass diese Kanäle von der FBG Football Berlin GmbH verantwortet worden seien und entsprechende Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Insolvenzverfahren beim Insolvenzverwalter lägen. Sportlich sollte die Mannschaft dagegen unbedingt bis zum Ende weitermachen. Die Liga sprang ein und stellte den letzten Spieltag sicher.
Und ausgerechnet in dieser Situation lieferte Berlin Thunder noch einmal eines der unterhaltsamsten Spiele der Saison. Die Panthers kamen als klarer Playoff Teilnehmer mit einer starken Bilanz nach Berlin, doch Thunder erwischte einen Traumstart. Nachdem die Berliner Defense den ersten langen Drive der Gäste an der eigenen Sieben Yard Linie gestoppt hatte, brauchte die Offense nur einen einzigen Spielzug. Quarterback Jakeb Sullivan fand Jon Cole, der den Pass über 93 Yards zum Touchdown trug. Nils Schauerte verwandelte den Extrapunkt und brachte Thunder mit 7:0 in Führung. Wroclaw ließ sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Jameson Wang führte seine Mannschaft zurück über das Feld und fand Ott Ottender über zwölf Yards zum Ausgleich. Im zweiten Viertel legten die Berliner noch einmal vor. Schauerte traf ein Field Goal aus 43 Yards und stellte auf 10:7.
Danach begann Wroclaw allerdings zunehmend, das Spiel zu kontrollieren. Wang bediente Michael Harley Jr. über 42 Yards zum Touchdown, Bartosz Woch legte die erfolgreiche Two Point Conversion nach und brachte die Panthers mit 15:10 in Führung. Bis zur Pause blieb es bei diesem Ergebnis. Schon zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, was später zum entscheidenden Faktor werden sollte. Die Panthers hielten ihre Offense mit langen Drives auf dem Feld und zwangen die Berliner Defense zu enorm viel Arbeit. Thunder blieb durch seine explosiven Big Plays gefährlich, bekam offensiv aber deutlich weniger Möglichkeiten.
Nach der Halbzeit verschärfte sich dieses Bild. Wroclaw marschierte über 83 Yards und Woch vollendete den Drive mit einem Lauf über vier Yards zum Touchdown. Anschließend übernahm der Running Back auch die Two Point Conversion und erhöhte auf 23:10. Zum ersten Mal drohte die Partie deutlicher in Richtung der Panthers zu kippen, doch Berlin antwortete. Sullivan führte Thunder über das Feld und fand erneut Cole, diesmal über drei Yards zum Touchdown. Eine erfolgreiche Conversion auf Bais Kouanda brachte die Gastgeber auf 18:23 heran. Wroclaw reagierte allerdings erneut mit einem eigenen Score. Wang fand Juan Flores Calderon über sechs Yards in der Endzone und stellte auf 29:18.
Wie viel Arbeit die Berliner Defense an diesem Nachmittag verrichten musste, zeigen die Statistiken eindrucksvoll. Wroclaw absolvierte 102 offensive Spielzüge, Berlin lediglich 48. Die Panthers kontrollierten den Ball mehr als 40 Minuten, während Thunder weniger als 19 Minuten Ballbesitz hatte. Noch extremer war der Unterschied im Laufspiel. Wroclaw produzierte 249 Rushing Yards, Berlin kam lediglich auf 36. Gleichzeitig verwandelten die Panthers 15 ihrer 22 Third Downs, Thunder dagegen nur vier von zehn. Dass die Partie trotz dieser Unterschiede bis zum Ende offen blieb, lag vor allem an der Explosivität der Berliner Passing Offense und einem überragenden Jon Cole.
Im letzten Viertel kämpfte sich Thunder noch einmal heran. Sullivan fand Kouanda über 14 Yards zum Touchdown und anschließend erneut bei der erfolgreichen Two Point Conversion. Plötzlich waren die Berliner beim Stand von 26:29 wieder bis auf drei Punkte dran. Wroclaw bewies jedoch die Ruhe eines Teams, dessen Saison nach diesem Nachmittag weitergehen würde. Die Panthers antworteten mit einem langen Drive, ehe Wang Kacper Jaszewski über acht Yards zum Touchdown bediente. Nach dem Extrapunkt stand es 36:26. Bei noch etwas mehr als sieben Minuten auf der Uhr sah vieles danach aus, als sei die Partie entschieden.
Dann folgte möglicherweise das letzte große Highlight in der Geschichte von Berlin Thunder. Cole nahm den anschließenden Kickoff an der eigenen Fünf Yard Linie auf und trug den Ball über 95 Yards bis in die Endzone. Nach seinem 93 Yard Receiving Touchdown zum Auftakt setzte er damit kurz vor Schluss noch einmal ein spektakuläres Ausrufezeichen. Schauerte verwandelte den Extrapunkt und plötzlich stand es nur noch 36:33. Cole beendete die Partie mit sieben gefangenen Pässen für 160 Yards und zwei Receiving Touchdowns sowie dem Kick Return Touchdown. Sullivan kam auf 315 Passing Yards und drei Touchdown Pässe. Ausgerechnet beim möglichen letzten Auftritt der Franchise lieferten zwei der wichtigsten Berliner Offensivspieler damit noch einmal eine starke Vorstellung.
Eine letzte Chance auf das Comeback bekam Thunder allerdings nicht mehr. Wroclaw erhielt den Ball bei noch 7:26 Minuten auf der Uhr zurück und spielte die verbleibende Zeit konsequent herunter. Das dominante Laufspiel der Panthers zahlte sich nun endgültig aus. Woch beendete die Partie mit 123 Yards und einem Touchdown bei 26 Läufen. Quarterback Wang brachte 30 seiner 44 Pässe für 311 Yards und vier Touchdowns an. Die Panthers bewegten die Ketten, nahmen Zeit von der Uhr und verhinderten, dass Sullivan und die Berliner Offense noch einmal auf das Feld zurückkehrten. Nach dem letzten Kneel Down war die Saison für Thunder beendet. Wroclaw gewann mit 36:33 und geht mit einer Bilanz von zehn Siegen und zwei Niederlagen in die Playoffs. Berlin beendet die Regular Season dagegen mit 5:7.
Zur sportlichen Enttäuschung kam eine Kulisse, die beim Blick auf die Zukunft kaum optimistischer stimmt. Gerade einmal 375 Zuschauer verfolgten das womöglich letzte Spiel von Berlin Thunder im Cantianstadion. Für eine Franchise in einer Millionenstadt und einen Namen mit langer Geschichte im professionellen Football ist diese Zahl ernüchternd. Dass die Partie zudem nur zwei Tage nach Aktivierung des finanziellen Schutzplans stattfand und von der Liga selbst organisiert werden musste, verdeutlicht, wie weit sich das bisherige Berliner Konstrukt mittlerweile von einem normalen Franchise Betrieb entfernt hatte.
Trotzdem muss zwischen einem möglichen Ende von Berlin Thunder und einem Ende des professionellen AFLE Footballs in der Hauptstadt unterschieden werden. Die Liga hat gegenüber Football Aktuell bereits deutlich gemacht, dass sie Berlin als Standort nicht aufgeben möchte. "Wir haben uns dazu entschieden, den Standort Berlin nicht aufzugeben und die weiteren Planungen konsequent voranzutreiben, nur nicht mit der aktuellen Struktur, d.h. der FBG Football Berlin GmbH", erklärte die Head of Communications der The League Europe auf Anfrage. Das Ziel sei ausdrücklich, American Football in Berlin auch über die Saison 2026 hinaus zu erhalten. Nach Angaben der Liga laufen bereits Gespräche mit der Stadt Berlin. Ob ein mögliches neues Projekt allerdings weiterhin unter dem Namen Berlin Thunder antreten würde, ist bislang offen.
Genau deshalb könnte das 33:36 gegen die Panthers einen besonderen Platz in der Berliner Football Geschichte einnehmen. Vielleicht war es lediglich das Ende einer schwierigen Saison und 2027 steht wieder eine Mannschaft namens Berlin Thunder auf dem Feld. Vielleicht war es aber tatsächlich der letzte Auftritt einer Franchise, deren bisherige Betreiberstruktur wirtschaftlich nicht mehr funktioniert und von deren Management sich die AFLE inzwischen vollständig distanziert hat. Sicher ist momentan lediglich, dass die Liga weiter professionellen Football in Berlin haben möchte und bereits an einer neuen Grundlage arbeitet.
Sollte es tatsächlich der letzte Auftritt von Berlin Thunder gewesen sein, endete die Geschichte zumindest nicht mit einem abgesagten Spiel oder einem Rückzug mitten in der Saison. Die AFLE spannte ihren finanziellen Rettungsschirm auf, organisierte das Saisonfinale selbst und ermöglichte Spielern und Coaches einen sportlichen Abschluss. Auf dem Feld kämpfte Thunder anschließend bis zum Schluss, lieferte einem der besten Teams der Liga einen offenen Schlagabtausch und kam nach Coles 95 Yard Kick Return noch einmal bis auf drei Punkte heran. Ein Happy End blieb den Berlinern verwehrt. Ob es lediglich das Ende der Saison oder tatsächlich der letzte Vorhang für Berlin Thunder war, werden nun die kommenden Monate zeigen.
PassionPress - 23.08.2026

Andy Vera im Regen (© Foot Bowl/Rico Doninelli)
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