Bei Berlin Thunder gehen die Lichter aus. Die Webseite ist nicht mehr erreichbar, der Instagram Account des Franchises ist verschwunden und selbst die Domain berlinthunder.de wird derzeit nicht mehr bespielt. Hinter der FBG Football Berlin GmbH läuft das Insolvenzverfahren, während von der digitalen Präsenz des Franchises kaum noch etwas übrig geblieben ist. Sportlich wird die Saison trotzdem zu Ende gebracht. Die AFLE "The League Europe" hat einen Financial Protection Plan aktiviert und damit das letzte Saisonspiel von Berlin Thunder abgesichert. Doch während das bisherige Konstrukt in Berlin offensichtlich vor dem Ende steht, macht die Liga gegenüber Football-Aktuell deutlich: Der Standort Berlin soll bleiben.
Am 20. August hatte die AFLE zunächst erklärt, dass ihr finanzieller Schutzplan den laufenden Betrieb des Teams für die Saison 2026 "und darüber hinaus" absichern soll. Darunter fallen nach Angaben der Liga sämtliche Verpflichtungen gegenüber Spielern, Coaches, Mitarbeitern und Vertragspartnern. Das Spiel gegen die Wrocław Panthers wird vollständig durch die AFLE organisiert. Nur wenige Stunden nach dieser ersten Mitteilung veröffentlichte die Liga allerdings einen zweiten, deutlich brisanteren Nachtrag. Darin distanzierte sich die AFLE "vollständig und ohne Ausnahme" vom Management der FBG Football Berlin GmbH. Die Liga werde weder mit deren Handlungen und Entscheidungen in Verbindung stehen noch künftig Verantwortung dafür übernehmen. Spieler, Coaches und Mitarbeiter von Berlin Thunder seien davon ausdrücklich nicht betroffen und würden weiterhin über den Financial Protection Plan abgesichert.
Warum eine solche Klarstellung nur wenige Stunden nach dem ursprünglichen Statement notwendig wurde, wollte Football-Aktuell von der Liga wissen. "Unsere Mitteilung vom 20. August hat sich in erster Linie auf den finanziellen Rettungsplan sowie die Organisation des Spiels gegen die Wroclaw Panthers bezogen. Uns war aufgrund einiger Anfragen, die uns erreicht haben, allerdings eine weitergehende Klarstellung wichtig", erklärt die Liga. Dann wird die Antwort noch deutlicher: "Mit dem Nachtrag wollten wir unmissverständlich klarstellen, dass sich die AFLE vollständig und ohne Einschränkung vom Management sowie von sämtlichen Handlungen und Entscheidungen der FBG Football Berlin GmbH distanziert", so die Head of Communications der The League Europe gegenüber Football-Aktuell. Gleichzeitig übernehme die AFLE mit ihrem Schutzplan die Verantwortung dafür, "dass der Spielbetrieb von Berlin Thunder sowie die Absicherung von Spielern, Trainern und Mitarbeitern uneingeschränkt weiterläuft und die Saison 2026 ohne Unterbrechung fortgesetzt wird."
Damit ist zumindest die unmittelbare Zukunft abgesichert. Wesentlich spannender ist allerdings die Frage, was die AFLE mit den Worten "und darüber hinaus" gemeint hat. Denn einerseits distanziert sich die Liga vollständig von der bisherigen Betreiberstruktur, andererseits spricht sie ausdrücklich von einer Zukunft über 2026 hinaus. Auf Nachfrage von Football-Aktuell wird deutlich, dass das keineswegs nur eine unverbindliche Formulierung gewesen sein soll. "Wir haben uns dazu entschieden, den Standort Berlin nicht aufzugeben und die weiteren Planungen konsequent voranzutreiben, nur nicht mit der aktuellen Struktur, d.h. der FBG Football Berlin GmbH", erklärt die Sprecherin der Liga. Weiter heißt es: "Unser Ziel ist es, American Football in Berlin auch über die Saison 2026 hinaus zu erhalten."
Das ist eine Aussage, die durchaus Gewicht besitzt. Im europäischen Football gab es in den vergangenen Jahren schließlich genügend Ankündigungen über Standorte, die unbedingt erhalten bleiben sollten und anschließend trotzdem von der Landkarte verschwanden. Als die Leipzig Kings noch zu ELF Zeiten während der Saison ausschied, betonte der damalige Commissioner Patrick Esume vor den Fans ebenfalls, dass es mit Leipzig definitiv weitergehen solle. Dazu kam es bis heute nicht. Die Situation in Berlin unterscheidet sich allerdings in einem entscheidenden Punkt. Die Aussage zum Fortbestand des Standorts fiel nicht spontan und emotional vor enttäuschten Fans, sondern als konkrete und schriftliche Antwort der AFLE auf die Nachfrage von Football-Aktuell. Mehr noch: Nach Angaben der Liga haben die Planungen bereits begonnen.
"Wir stehen dazu bereits im Austausch mit der Stadt Berlin. Diese Gespräche laufen konstruktiv, und wir werden sie in den kommenden Wochen konsequent fortsetzen", so die Head of Communications der The League Europe. Die Hauptstadt sei für die AFLE "eine der bedeutendsten Sportmetropolen Europas" und ein Standort mit einer Fanbasis sowie einem sportlichen Potenzial, "das über die aktuelle Situation hinausweist". Deshalb sei es der Liga wichtig, Berlin nicht aufzugeben, sondern "auf eine tragfähige Grundlage zu stellen". Ob diese Zukunft weiterhin Berlin Thunder heißt, lässt die AFLE dagegen ausdrücklich offen. Sicher scheint derzeit lediglich, dass die FBG Football Berlin GmbH dabei keine Rolle mehr spielen soll.
Auch das plötzliche Verschwinden der bisherigen digitalen Kanäle war der Liga bekannt. Die Webseite und die Social Media Accounts seien nicht von der AFLE, sondern von der FBG Football Berlin GmbH verantwortet worden. "Aufgrund des laufenden Insolvenzverfahrens lag und liegt die Entscheidung über das Ob und Wie der Weiterführung von Domains und Social Media Accounts bei dem Insolvenzverwalter", erklärt die Sprecherin der AFLE. Der Austausch mit Insolvenzverwalter Prof. Dr. Torsten Martini sei "eng, konstruktiv und durchgehend", weshalb die Liga auch über die Abschaltung informiert gewesen sei. Zu den internen Abläufen oder konkreten Entscheidungen könne man aufgrund des laufenden Regelinsolvenzverfahrens keine weiteren Angaben machen.
Ein großes Problem bleibt allerdings selbst dann bestehen, wenn es 2027 tatsächlich wieder professionellen Football in Berlin geben sollte: die Spielstätte. Wie Football-Aktuell erfahren hat, wird ein modernes, für ein solches Projekt geeignetes Stadion in Berlin voraussichtlich erst 2028 zur Verfügung stehen. Sollte die AFLE also bereits 2027 an Berlin festhalten, müsste zumindest für eine weitere Saison eine Übergangslösung gefunden werden. Im schlechtesten Fall bedeutet das erneut Football auf einem kleinen Sportplatz beziehungsweise unter ähnlich eingeschränkten Bedingungen wie in der laufenden Saison. Auf die konkrete Frage nach der Stadionperspektive hält sich die Liga deshalb noch zurück. "Die laufende Saison 2026 wird an der aktuell genutzten Spielstätte fortgesetzt", erklärt die Sprecherin. Zu langfristigen Standort und Stadionfragen über 2026 hinaus werde sich die AFLE erst äußern, "sobald es dazu konkrete, kommunizierbare Entscheidungen gibt".
Damit zeichnet sich rund um Berlin Thunder ein ungewöhnlicher Übergang ab. Die bisherige Gesellschaft ist insolvent, die Liga distanziert sich ausdrücklich vom bisherigen Management, Webseite und Social Media Präsenz sind verschwunden und selbst hinter dem Namen Berlin Thunder steht für die Zukunft ein Fragezeichen. Gleichzeitig übernimmt die AFLE die finanzielle Absicherung der Mannschaft, organisiert den Abschluss der Saison und führt bereits Gespräche mit der Stadt über die Zukunft des Standorts.
Für die Berliner Football Fans ist das zumindest ein Hoffnungsschimmer. Ob 2027 tatsächlich wieder "Berlin Thunder" auf dem Spielplan steht, kann derzeit niemand seriös versprechen. Dass die AFLE jedoch ausdrücklich erklärt, Berlin nicht aufgeben zu wollen, bereits mit der Stadt spricht und auf konkrete Nachfrage von Football-Aktuell von einer langfristigen Zukunft des Standorts spricht, geht deutlich über eine beiläufige Durchhalteparole hinaus. Bei Berlin Thunder selbst sind die Lichter aktuell aus. Die AFLE arbeitet aber bereits daran, dass in Berlin spätestens zur kommenden Saison wieder welche angehen.
PassionPress - 21.08.2026

Berlin Thunder Spieler dürfen sich Hoffnung machen (© Foot Bowl/Rico Doninelli)
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