In einer ungefähr halbstündigen Fragerunde stand der kürzlich als neuer Ligapräsident vorgestellte Jim Tomsula – wie immer erfreulich auskunftsfreudig und offen – in einem gut besuchten Videocall der AFLE zur Verfügung. Dabei erfuhr man auch durchaus Neuigkeiten.
Die Frage, die wohl alle Teilnehmer am meisten beschäftigte, wurde gleich zu Beginn gestellt. Das Verschwinden von Tomsula aus persönlichen Gründen vor gut einem Jahr kam plötzlich und relativ unerwartet, die ausführliche Erklärung folgte jetzt: Zunächst lag sein Schwiegervater mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im Sterben, weswegen er vorzeitig zurück in die Vereinigten Staaten reisen musste.
Als er im Frühjahr [2025] nach Düsseldorf zurückgekehrt war und die Planungen für die Saison ziemlich abgeschlossen waren, hätte er sich wieder einmal einen Husten zugezogen, so dass ihn seine Frau zum Arzt geschickt hatte. Hier war jedoch soweit alles in Ordnung, aber nähere Untersuchungen ergaben, dass sein Herz nur noch 15 Prozent Leistung erbrachte.
Einerseits lag also sein Schwiegervater im Sterben, andererseits stand er kurz vor einem Herzversagen, was in der Summe eine Rückkehr nach Europa zu diesem Zeitpunkt unmöglich gemacht hätte. Angesichts seiner NFL-Vergangenheit wollte er die Gründe damals aber auch nicht groß publizieren, da ihm bewusst gewesen wäre, was das für ein mediales Scheinwerferlicht auf seine Familie ausgelöst hätte. "Also habe ich beschlossen, das privat zu belassen. Richard [Kent, eigentlich Defensive Coordinator und dann sein Vertreter als Head Coach bei Rhein Fire] kann das stemmen. Es war eine harte Saison für Rhein Fire, im Vergleich zu dem, was man normal von ihnen gewohnt ist. Aber es war immer noch ein Playoff-Team und Richard hat einen herausragenden Job gemacht."
Mittlerweile gehe es ihm dank Medikamenten und seiner sportlichen Konstitution seit Jugendtagen jedoch wieder erheblich besser.
Es folgte ein Schwenk zum europäischen Football: "Ich glaube wirklich, dass europäischer Football funktionieren kann. Ich glaube an die Fangemeinde, ich glaube an die Spieler und die Trainer, ich glaube an alles daran."
Es gehe ihm vor allem um die Menschen und die Fans: "Wir werden es versuchen und es mit viel Fan-Input angehen — so stehen die Dinge im Moment."
Tomsula sprach sich für mehr Kommunikation zwischen den Ligen aus: "Ich fördere diesen Dialog. Einer meiner Gedanken zum Football insgesamt ist: Sobald wir das Spielfeld verlassen, müssen wir das Kämpfen einstellen und in der Lage sein, Kompromisse zu schließen und das Beste für den Sport und die Menschen zu tun. Das ist das Ziel. Wenn wir in Europa arbeiten wollen, dann nur, wenn wir alle zusammenarbeiten — die Liga, die Teams, die Fans, die Communities."
Seine Vorstellungen für den europäischen Football würde drei Teile umfassen:
"Erstens: Meine Vision kommt aus der Zeit, die ich mit Fans und Teams verbracht habe. Wir werden rausgehen und die Probleme anpacken — wir laufen nicht davon, wir laufen darauf zu. Deshalb habe ich kein festes Zuhause; ich werde die nächsten 90 Tage in Hotels leben und von Stadt zu Stadt reisen, um Input zu sammeln. Wenn Sie Ideen haben, bringen Sie sie ein. Zuerst hören wir den Fans, den Communities und den Teams zu, identifizieren ihre Probleme, entwickeln Lösungen und setzen diese um.
Zweitens wollen wir die Kommunikation verbessern. Wir möchten klare Kommunikation nach außen haben, aber auch zuhören können. Die Leute sollen einen Ort haben, an dem sie anrufen oder per Zoom ihre Gedanken teilen können — sowohl positive als auch negative Erfahrungen sollen uns erreichen, damit wir die Guten verstärken und Probleme beheben können.
Drittens haben wir bereits Leute eingesetzt, die an Trainings- und Spielstätten für das nächste Jahr arbeiten. Wir bemühen uns intensiv um Unternehmenspartner; das ist gerade ein großer Schwerpunkt. Außerdem schauen wir uns jede einzelne Mannschaft an: Wir wollen eine solide Grundlage schaffen, damit die Teams langfristig erfolgreich sind. Wir planen nicht nur kurzfristig, sondern auch mit Blick auf fünf Jahre, damit Strukturen vorhanden sind, die mitwachsen und künftige Probleme vermeiden.
Manche Dinge begannen zu spät, aber das lag an den Umständen, nicht an einzelnen Personen. Wenn man zu spät startet, wird es schwerer, proaktiv zu handeln — man plant, aber die Zeit fehlt. Trotzdem glaube ich, dass die Entscheidung richtig war; wir konnten kein Jahr ohne Football verstreichen lassen.
Kommunikation bleibt die oberste Priorität. Ich scheue mich nicht vor Führung; wenn etwas schiefgeht, übernehme ich Verantwortung. Es wird Teamarbeit brauchen, aber wenn jemand einen Schuldigen sucht — dann bin ich bereit, das zu sein."
Blieb noch die Frage nach Monaco, wo sein Engagement im Winter verkündet worden war: "Ich wurde im Dezember für eine Franchise in Monaco genannt, das war überraschend. Ich wurde angesprochen und habe Beziehungen dort, aber als die Dinge voranschritten, sagte ich, es sei zu spät, um von Grund auf neu zu beginnen.
Die Organisation, die Genehmigungen und ein Team aufzubauen, das war zeitlich nicht mehr machbar. Ich war involviert, aber nie offiziell bestätigt worden. Die Südfrankreich-Region bleibt für Expansionen interessant; wir behalten Frankreich und andere Gebiete im Blick. Wichtig ist, dass wir frühzeitig Planbarkeit schaffen — etwa Fünfjahresverträge, damit Fans Reisen und Urlaube planen können. Auch Sponsoring spielt dabei eine Rolle."
Jetzt würden bei ihm selbst erst einmal viele Reisen anstehen – aus der Schweiz gehe es nach Wien zu einem Camp (veranstaltet von den Vikings mit den Colts), Meetings, ein Spiel am Samstagabend und am Sonntagmorgen ein Flug in den Norden, anschließend Duisburg. "Ich freue mich, alte Freunde zu sehen. Ich werde nicht aufhören, ab und zu ein Bier zu trinken, aber ich bin nicht hier, um zu feiern — ich bin hier, um zu arbeiten und die Fans zu treffen."
Arbeit gibt es definitiv genug und es ist schön zu sehen, dass er seine gesundheitlichen Probleme soweit in den Griff kriegen konnte, um die anstehenden Aufgaben zu meistern. Der richtige Mann dafür scheint er jedenfalls zu sein.
Carsten Keller - 08.07.2026

Jim Tomsula gibt die Richtung vor (© Miladinovic)
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