Der stille Gigant

#7 QB Kevin Jennings (SMU Mustangs)Das Reden fiel SMU Quarterback Kevin Jennings noch nie leicht. Zu Beginn seiner Laufbahn beschränkten sich seine Antworten bei Pressekonferenzen oft auf wenige Worte. Selbst als er sich zu einem der besten High School Quarterbacks in South Dallas entwickelte, ließ er lieber Taten auf dem Spielfeld sprechen. "Ich versuche einfach, mich jeden Tag in dieser Hinsicht zu verbessern, denn auf der nächsten Stufe wird genau das von einem verlangt", sagte Jennings vor wenigen Tagen, während sein Blick zwischen meinen Augen und dem Boden hin und her wanderte. "Man ist das Gesicht des Teams und muss viele Dinge erledigen. Es ist alles eine Frage der Übung." Der für seine Zurückhaltung bekannte Jennings pendelt nun zwischen Medienterminen und Veranstaltungen rund um das Thema NIL und her. Er wirkt in Werbekampagnen und bei Fotoshootings mit, während SMU versucht, zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren in das Meisterschaftsspiel ihrer Conference einzuziehen. Zudem wird die SMU in wenigen Wochen ihre erste echte Kampagne für die Heisman Trophy seit der Ära des "Pony Express" in den 1980er Jahren starten.

"Wir wollen nicht groß über uns selbst reden, aber Kevin hat es verdient, in diesem Zusammenhang genannt zu werden", meinte auch sein Head Coach Rhett Lashlee. "Wir müssen ihn ins Gespräch bringen. Wir müssen seine Geschichte erzählen. Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem andere das für uns übernehmen."

Jennings gehört landesweit zu den Top 10 der zurückkehrenden Quarterbacks, wenn es um die Gesamtwerte in den Kategorien Pass-Yards, Pass-Touchdowns, Total Yards und Siege geht. Unter den Quarterbacks der "Power Four"-Conferences, die in ihre Teams zurückkehren, warf im vergangenen Jahr nur Jayden Maiava (USC) mehr Yards als Jennings. Jennings weist in der ACC eine Bilanz von 14 Siegen bei zwei Niederlagen auf, wobei die beiden Niederlagen mit einem Gesamtabstand von nur vier Punkten zustande kamen. Dazu gehört auch eine Serie von acht Siegen ohne Niederlage im Jahr 2024, die erst in den College Football Playoffs endete. Und doch liegen Jennings’ Gewinnchancen für die Heisman Trophy bei 100 zu 1 – das ist die 33. beste Quote, noch hinter Spielern, die erstmals als Starter auflaufen, wie Lincoln Kienholz (Louisville) und Aaron Philo (Florida).

"Ich halte ihn für einen der fünf besten Quarterbacks", sagte D'Eriq King, Quarterback Coach der SMU. "Und ich glaube, wenn sich die Leute die Spielaufzeichnungen ansehen und von den Logos der Teams absehen, werden sie zu demselben Schluss kommen."

Jennings wurde in South Dallas geboren und wuchs dort auf – nur 20 Minuten entfernt vom University Park-Campus der SMU, und doch in einer völlig anderen Welt. University Park zählt zu den wohlhabendsten Gegenden von Texas, South Oak Cliff hingegen zu den ärmsten. South Dallas ist geprägt von harter Arbeit und Kampfgeist", sagte Abdul Muhammad, Defensive Back der SMU, der schon an der High School mit Jennings zusammenspielte. "Man will etwas Großes erreichen und nicht einfach nur Durchschnitt sein, denn in diesen Gegenden gibt es so viele Dinge, in die man besser nicht hineingeraten sollte."

Jennings glänzte an der South Oak Cliff High School und entwickelte sich zu einem der besten Quarterbacks der Region. Angebote blieben jedoch zunächst aus. Bis Lashlee – gewissermaßen durch eine Fügung des Schicksals – eines von Jennings’ Playoff-Spielen besuchte, um eigentlich andere Spieler zu beobachten. Bis dahin hatte er nur ein einziges Angebot aus der Division I erhalten: von Missouri State. Lashlee fragte sich: "Was übersehe ich hier?" Jennings’ Spielweise wies viele unkonventionelle Züge auf. Er bewegte sich tänzelnd in der "Pocket", um gute Wurfwinkel zu finden, behielt dabei aber stets das Spielfeld im Blick. Körperlich stach Jennings in einem Team voller Top-Talente nicht besonders hervor. Seine Wurftechnik wirkte bisweilen etwas unsauber. Doch wenn der Ball seine Hand verließ, flog er mit enormer Wucht. Und wenn er – was selten vorkam – das Wort ergriff, hörten die anderen Spieler zu.

"Er besitzt einfach diese Ausstrahlung, die alle großen Quarterbacks, Führungspersönlichkeiten und besonderen Menschen haben", sagte Lashlee. "Wenn man in ihrer Nähe ist, spürt man diese Präsenz, man kann sie förmlich sehen." Zwei Wochen später führte Jennings South Oak Cliff zum Titel auf Bundesstaatsebene – dem ersten für eine Schule des Dallas Independent School District seit 1958. In derselben Woche unterschrieb er bei der SMU, nur gut 19 Kilometer von seinem Zuhause entfernt.

Als Jennings auf dem Campus ankam, wartete dort bereits sein perfekter Gegenpart auf ihn. Preston Stone zählte landesweit zu den besten 150 Nachwuchsspielern und gehörte zu den besten Talenten in der Geschichte der SMU. Er war nur wenige Häuserblocks vom Campus entfernt aufgewachsen – als Sohn zweier Alumni – und hatte eine Privatschule in den nördlichen Vororten besucht. Stone war wie geschaffen für die Rolle des Quarterbacks an der SMU.

In seiner ersten Saison als Starter für die Mustangs zeigte er herausragende Leistungen: Er warf für mehr als 3.000 Yards und führte die SMU ins Meisterschaftsspiel der AAC. Ein märchenhaftes Ende schien unausweichlich, zumal die SMU im darauffolgenden Jahr überraschend in die ACC wechseln sollte. Doch ein Beinbruch im letzten Spiel der regulären Saison holte alle auf den Boden der Tatsachen zurück. Nach dieser Verletzung musste Jennings im Meisterschaftsspiel der Conference gegen den Titelverteidiger Tulane sein Debüt als Starter im College Football geben. Gleich im ersten Spielzug unterlief ihm ein Fumble und zum Ende des ersten Viertels warf er eine Interception. Doch im weiteren Spielverlauf kehrte die Magie zurück, die ihn schon an der High School ausgezeichnet hatte. Er erzielte 203 Yards durch Pässe und weitere 63 Yards durch Läufe; die Mustangs gewannen damit ihren ersten Conference Titel seit 1984, als Bobby Collins das Team trainierte.

"Kevin übernahm im Training jeden Tag das Kommando, selbst gegenüber Preston", sagte Offensive Lineman P.J. Williams. "Normalerweise erlebt man es nicht, dass zwei Quarterbacks im Team gleichzeitig die Führung übernehmen – wirklich nicht. Kevin wusste nicht einmal, ob er in jenem Jahr überhaupt spielen würde; das sagt viel darüber aus, was für ein Mensch er ist." Coach Lashlee rang mit der Entscheidung. Er hatte Stone an die Universität geholt, und der Spieler – Sohn einer Football-Legende – hatte sich absolut nichts zuschulden kommen lassen. Doch nach drei Angriffsserien im Spiel gegen BYU wusste Lashlee, was zu tun war. Jennings kam ins Spiel. Hinter einer Offensive Line, die sich im Neuaufbau befand und in Duellen gegen Teams der großen Conferences erwies sich Jennings’ Vielseitigkeit als entscheidender Faktor. Er gab seinen Platz nicht mehr ab. "Ich habe es schon früher gesagt: Es war die schwerste Entscheidung, die ich als Head Coach treffen musste, aber gleichzeitig war es auch eine der Entscheidungen, bei denen sofort klar war, was zu tun ist", sagte Lashlee. "Zu diesem Zeitpunkt hatten es unser gesamter Trainerstab und das Team erkannt – und genau deshalb hat es funktioniert."

Seit Jennings’ Ankunft hat die SMU einen beeindruckenden Siegeszug hingelegt. Die Mustangs weisen in den letzten zwei Jahren die beste Bilanz innerhalb der ACC auf. Sie verpassten den Einzug ins ACC Meisterschaftsspiel in zwei aufeinanderfolgenden Saisons nur hauchdünn – jeweils aufgrund von Tiebreaker-Regelungen. Mit 365 Pass Yards und einem Touchdown trug er maßgeblich zum überraschenden Sieg über Miami bei; es war die letzte Niederlage der Hurricanes vor dem nationalen Meisterschaftsspiel. Im Jahr 2024 erreichte die SMU die College Football Playoffs – als erst drittes Programm aus dem Bundesstaat Texas. Nach der Saison wurde Jennings mit Transferangeboten überhäuft. Für ihn kam ein Wechsel jedoch nie infrage.

"Ich bin in Dallas geboren und aufgewachsen", sagte Jennings. "Ich möchte hier etwas Bleibendes schaffen, das ist für mich das Wichtigste. Ich wollte nirgendwo anders hin." Im vergangenen Jahr zog sich Jennings im Spiel gegen Baylor eine Knöchelverletzung zu, die seine dynamischen Laufqualitäten außer Gefecht setzte. Um dies auszugleichen, steigerte er seine Passquote auf 66,1 Prozent und warf für einen persönlichen Bestwert von 3.641 Yards – die drittbeste Marke in der Geschichte des Programms. Sollte er diese Zahlen wiederholen können, würde er die Rekordbücher von SMU neu schreiben und womöglich in die Top 5 der ACC-Geschichte bei den Pass Yards aufsteigen.

Mit seinem wachsenden Ruhm entwickelte sich auch seine Führungsrolle weiter. Jennings ist zu einer festen Größe auf dem Campus der SMU geworden und unterstützt die verschiedenen Sportteams des Colleges. Er fungiert als Mentor für junge Quarterbacks und hat den Mustangs geholfen, wichtige Talente im Team zu halten. Zudem hat er Brücken geschlagen, während SMU versucht, seine Marke in der gesamten Metropolregion zu etablieren. "Ich glaube, er versteht die Bedeutung seiner Rolle als Quarterback hier", erklärte SMU-Sportdirektor Damon Evans. "Er hat in der heutigen Zeit etwas Einzigartiges an sich und kann ein Doak Walker werden."

An der Nordostecke des Gerald J. Ford Stadiums steht eine imposante, rund 2,70 Meter (neun Fuß) hohe Bronzestatue von Doak Walker. Sie bildet die historische Trophäe nach, die seinen Namen trägt und jährlich an den besten Running Back der USA verliehen wird. Walkers Gewinn der Heisman Trophy markierte einen Wendepunkt – nicht nur für SMU, sondern für den Football in der Stadt Dallas. Nach diesem Erfolg zog SMU ins Cotton Bowl Stadion um und trieb einen massiven Stadionausbau voran. Zwölf Jahre später trug das Stadion dazu bei, die Dallas Cowboys in die Region zu holen. Die SMU weiß um die Bedeutung einer Heisman Trophy und wie sie die kommenden Jahre prägen kann. Was müsste also geschehen, damit Jennings die prestigeträchtigste Auszeichnung des Landes tatsächlich gewinnt? Zunächst müsste die SMU das ACC Meisterschaftsspiel gegen Miami für sich entscheiden. Zudem müsste er besser spielen als Hurricanes Quarterback Darian Mensah – ebenfalls ein Anwärter auf die Heisman Trophy – um dieses Ziel zu erreichen. Statistisch gesehen muss Jennings herausragende Leistungen zeigen. In den vergangenen fünf Jahren gewannen vier Quarterbacks die Heisman Trophy. Diese Spieler kamen in der regulären Saison im Durchschnitt auf 3.797 Pass-Yards, 444 Rushing Yards und insgesamt 45 Touchdowns – Werte, die auch für Jennings in Reichweite liegen. In welchem Bereich er sich besonders steigern muss? Die Sieger wiesen ein Touchdown Interception Verhältnis von etwa 17 zu 2 auf. Jennings hat in den vergangenen beiden Spielzeiten 24 Interceptions geworfen. Mit einer gewissen Leistungssteigerung ist das jedoch machbar.

"Im letzten Jahr sprach in der Saisonvorbereitung niemand über Fernando Mendoza und dann gewinnt er die Heisman Trophy", sagte Lashlee. "Dasselbe kann hier passieren. Wenn wir gewinnen – und zwar früh –, steht außer Frage, was er für unsere Universität geleistet hat, was für ein Spieler er ist und welches Vermächtnis er hinterlassen wird."

Es gibt einige Faktoren, die für Jennings sprechen. In den ersten drei Saisonwochen tritt SMU auswärts sowohl gegen Florida State als auch gegen Louisville an; das Spiel gegen Florida State findet dabei ohne zeitgleiche Konkurrenz durch andere Spiele statt. Gegen Ende der Saison reist SMU zu einem Auswärtsspiel gegen Notre Dame – einen der Favoriten auf die College Football Playoff-Teilnahme. Herausragende Leistungen zu diesem Zeitpunkt bleiben den Abstimmenden besonders gut im Gedächtnis.

Für einen der eher zurückhaltenden Quarterbacks des Landes wird es sich nie ganz natürlich anfühlen, lautstark auf sich aufmerksam zu machen. Doch nach zwei erfolgreichen Spielzeiten ist es für SMU an der Zeit, sich zu behaupten. "Ich meine, natürlich beschäftigt es mich irgendwie, dass ich landesweit nicht wahrgenommen werde. Aber letztendlich geht es um meine Teamkollegen, den Betreuerstab und die Familienangehörigen – es geht darum, was sie von mir halten; von ihnen muss ich mir den Respekt verdienen."

Schlüter - 06.07.2026

#7 QB Kevin Jennings (SMU Mustangs)

#7 QB Kevin Jennings (SMU Mustangs) (© Getty Images)

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