Nach seinem überraschenden Aus als Defensive Coordinator bei Rhein Fire hat Ray Woodard erstmals ausführlich mit football-aktuell über die Ereignisse der vergangenen Tage gesprochen. Der erfahrene US-Coach äußert sich zu den Gründen seiner Entlassung, den finanziellen Herausforderungen innerhalb der Organisation, seiner Sicht auf die Vorwürfe sowie seiner Zukunft im europäischen Football.
Coach, die vergangenen Tage waren sicherlich sehr turbulent. Haben Sie mit einer solchen Entwicklung gerechnet und wie fühlen Sie sich aktuell?
Raymond Woodard: Zunächst war ich schockiert. Nach unserer Leistung am vergangenen Wochenende konnte ich kaum glauben, dass so etwas passieren würde. Danach wurde ich wütend und mittlerweile bin ich vor allem enttäuscht von einigen Personen. Für mich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, weiterzugehen.
Rhein Fire gelang zuletzt sogar der erste Shutout der AFLE-Geschichte. Welche Gründe wurden Ihnen für die Trennung genannt?
Raymond Woodard: Ehrlich gesagt weiß ich das bis heute nicht aus erster Hand. Ich habe nie direkt mit Geschäftsführer Daniel Thywissen gesprochen. Die Kommunikation lief immer über unseren Head Coach Mark Ridgley. Letztendlich bekam ich nur Informationen nach dem Prinzip "der eine sagt dies, der andere sagt das". Mir wurde nie direkt etwas vorgeworfen und ich bekam nie die Möglichkeit, meine Sicht der Dinge darzulegen. Das ist der frustrierendste Teil an der ganzen Situation.
Es gibt Gerüchte über Aussagen, die Sie nach der Niederlage in Wien getroffen haben sollen. Was ist tatsächlich passiert?
Raymond Woodard: Wir haben gegen ein sehr gutes Wiener Team gespielt, das den Sieg verdient hatte. Ich wollte keine Ausreden suchen. Aber die Anreise war extrem belastend. Wir fuhren erst um 22 Uhr am Vorabend los, verbrachten rund zwölf Stunden im Zug und viele Spieler konnten kaum schlafen. Als wir ankamen, waren die Hotelzimmer noch nicht fertig. Letztendlich hatten wir nur Zeit zum Umziehen, Essen und anschließend ging es direkt zum Stadion.
Schon im zweiten Viertel sagte ich zu den anderen Defensive Coaches, dass wir eine müde Mannschaft seien. Nach dem Spiel sprach ich mit den Eigentümern der Madrid Bravos, die als Zuschauer vor Ort waren. Dabei habe ich lediglich gesagt, dass wir die Reise besser hätten organisieren müssen. Wenn wir die ganze Nacht fahren müssen, dann lieber auf dem Rückweg und nicht vor dem Spiel. Das war keine Schimpftirade, kein Streit und kein Fingerzeigen. Es war lediglich eine kurze Diskussion über die Reisesituation.
Wann erfuhren Sie, dass Ihre Position gefährdet ist?
Raymond Woodard: Head Coach Mark Ridgley sprach mich Anfang der Woche darauf an. Er sagte zunächst, dass der CEO darüber nachdenke, mich zu entlassen, weil 20 Prozent des Budgets eingespart werden müssten. Außerdem war ich der einzige voll bezahlte Defensive Coach und es gab Probleme mit meiner Wohnung, deren Miete nicht rechtzeitig bezahlt wurde. Später hieß es dann, die Entlassung erfolge wegen meiner Aussagen nach dem Wien-Spiel. Am Montagabend fand eine Sitzung statt, an der ich nicht teilnehmen durfte. Dort wurde offenbar die Entscheidung getroffen.
Es gab auch Gerüchte über verspätete Gehaltszahlungen. Können Sie das bestätigen?
Raymond Woodard: Ich selbst wurde bis heute bezahlt. Allerdings erhielt niemand sein Gehalt pünktlich. Die erste Zahlung kam etwa zwei Wochen verspätet. Darüber hinaus gab es einen Zeitpunkt, an dem wir sogar ein Training aussetzten, um ein Zeichen zu setzen, weil niemand bezahlt worden war. Nach und nach wurden die Gehälter ausgezahlt, aber meines Wissens gibt es noch immer Coaches, die auf Geld warten.
Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Raymond Woodard: Es gibt etwas Interesse von anderen Seiten, aber momentan beschäftige ich mich zuerst mit meiner Situation. Nach meinem Wissen könnte die Kündigung nach deutschem Recht sogar noch Fragen aufwerfen, da ich lediglich eine E-Mail erhalten habe. Aber ich bin kein Rechtsexperte. Morgen reise ich zunächst zurück in die USA.
Können Sie sich weiterhin vorstellen, in Europa oder in der AFLE zu coachen?
Raymond Woodard: Vor 20 Jahren hätte ich wahrscheinlich eine klare Antwort gegeben. Heute weiß ich, dass man in emotionalen Situationen keine endgültigen Entscheidungen treffen sollte. Mein erster Impuls wäre zu sagen, dass ich nie wieder in dieser Liga coachen möchte. Aber ich werde das nicht ausschließen. Es müsste allerdings eine sehr gute Organisation mit vertrauenswürdigen Verantwortlichen sein.
Wie blicken Sie insgesamt auf Ihre Zeit bei Rhein Fire zurück?
Raymond Woodard: Das Traurigste ist, dass ich diese Spieler wirklich gern trainiert habe. Wir hatten eine starke Defensive und ein hervorragendes Coaching Staff. Nach der Niederlage gegen Wien haben wir uns gefangen und gegen unseren letzten Gegner eine herausragende Leistung gezeigt. Ich glaube sogar, dass es statistisch die beste Defensivleistung der Liga in dieser Saison bleiben könnte. Mein größtes Bedauern ist, dass ich diese Mannschaft nicht bis zum Saisonende begleiten kann.
Gibt es Spieler, die Sie besonders beeindruckt haben?
Raymond Woodard: Unsere Stärke liegt gerade darin, dass ich niemanden herausheben möchte. Wir haben acht Defensive Linemen, die rotieren und alle ihren Beitrag leisten. Unsere Linebacker Marius Kensy und Lino Schröter spielen hervorragend, die Backups ebenfalls. In der Secondary leisten Streeter und Christian Matthews starke Arbeit. Dazu kommen erfahrene Spieler wie Till Janssen und Yannick. Es ist einfach eine talentierte Gruppe von vorne bis hinten.
Werden Sie Rhein Fire weiterhin verfolgen?
Raymond Woodard: Ja. Luca Berdelmann übernimmt jetzt die Defense und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Das ist eine große Chance für ihn. Außerdem habe ich eine Verbindung zu vielen Spielern aufgebaut und möchte sehen, dass sie erfolgreich sind. Deshalb werde ich das kommende Spiel definitiv verfolgen.
Gibt es etwas, das Sie zum Abschluss noch sagen möchten?
Raymond Woodard: Ich verstehe, dass manche meine Aussagen als negativ auffassen konnten. Aber ich wollte lediglich ausdrücken, dass mir die Belastung für unsere Spieler nicht gefallen hat. Das Ganze wurde nie öffentlich gesagt und war nie böswillig gemeint. Ich glaube wirklich, dass wir diese Angelegenheit in fünf Minuten hätten klären können, wenn wir uns einfach zusammengesetzt hätten. Deshalb ist es für alle Beteiligten sehr schade, dass es so weit gekommen ist.
Foot Bowl - 19.06.2026

Raymond Woodard (© Madrid Bravos)
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