Die Firenze Red Lions gehen 2026 in ihre erste Saison in der AFLE und kaum eine Personalie steht dabei so sehr für den Aufbaucharakter des neuen Projekts wie Head Coach Bill Shuey. Der ehemalige NFL Coach übernimmt in Florenz nicht nur die Rolle des Head Coaches, sondern arbeitet gleichzeitig als Defensive Coordinator und Linebackers Coach. Damit ist er einer der zentralen Bausteine einer Organisation, die unter General Manager Bart Iaccarino langfristig eine neue Football Kultur in Florenz etablieren will.
Shuey macht im Gespräch deutlich, dass sich die Red Lions noch mitten im Aufbau befinden. Das Team wächst, der Coaching Staff findet sich, neue Spieler kommen nach und nach dazu. Trotzdem ist die Vorfreude groß: "Wir sind aufgeregt und freuen uns darauf, loszulegen. Wir trainieren, bringen Dinge in Bewegung, der Coaching Staff kommt zusammen und neue Spieler stoßen dazu. Wir bauen dieses Projekt weiter auf und freuen uns darauf, endlich zu starten."
Der Kontakt nach Florenz entstand über einen früheren Weggefährten aus den USA, der General Manager Bart Iaccarino kannte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Shuey gerade seine Tätigkeit in Miami beendet und war verfügbar. Nach einem Gespräch mit Iaccarino habe sich die Situation schnell passend angefühlt. Auch seine Familie spielte eine Rolle. Als seine Frau und seine Tochter hörten, dass es die Möglichkeit gebe, in Italien Football zu coachen, sei die Reaktion eindeutig gewesen: "Sie haben im Grunde gesagt: Lass uns das möglich machen."
Ursprünglich war Shuey nicht zwingend als Head Coach eingeplant. In den ersten Gesprächen mit Iaccarino seien mehrere Rollen denkbar gewesen. Head Coach, Defensive Coordinator, Special Teams Coordinator oder Arbeit mit der Secondary. Als sich die Situation um Bart Andrus veränderte, entstand schließlich die Möglichkeit, die Gesamtverantwortung zu übernehmen. Shuey beschreibt den Prozess als Entwicklung, bei der beide Seiten abwarteten, welche Optionen sich ergeben. Am Ende habe das Timing perfekt gepasst, auch mit Blick auf mögliche Aufgaben in den USA nach der Saison.
Als Coach beschreibt sich Shuey als intensiv, aber mit zunehmender Erfahrung etwas gelassener. Entscheidend seien für ihn Organisation, Detailgenauigkeit und Effizienz. Besonders prägend sei ein Rat von Andy Reid gewesen: "Je weniger Zeit man hat, desto effizienter muss man sein und desto besser muss man coachen." Genau diesen Ansatz versucht Shuey nun in Florenz umzusetzen. Die Red Lions befinden sich in einer Situation, in der wenig Zeit, viele offene Fragen und ein sich verändernder Kader zusammenkommen.
Das Trainingscamp findet zunächst in Cecina an der italienischen Küste statt, ehe das Team später nach Florenz umzieht. Shuey kam rund zwei Wochen vor dem Interview in Italien an und befindet sich seitdem im Camp Modus. Eine besondere Herausforderung ist dabei die Kadersituation. Viele italienische Homegrown Spieler sind noch in ihrer nationalen Saison gebunden und stoßen erst später zu den Red Lions. Dadurch arbeitet der Staff aktuell mit einem Teil des späteren Rosters. Shuey schätzt, dass ungefähr 50 Prozent des Teams bereits verfügbar sind, betont aber, dass diese Zahl schwanken kann.
Die Evaluation Week half dem Team, zusätzliche Spieler zu sehen und einen besseren Eindruck von den italienischen Talenten zu bekommen. Für Shuey war das besonders wertvoll, weil Florenz bewusst auf eine starke Homegrown Basis setzt. Einige dieser Spieler könnten sofort helfen, andere seien eher Perspektivspieler für die kommenden Jahre. Gleichzeitig muss der Coaching Staff genau abwägen, wie viel installiert werden kann, wenn in den ersten Wochen der Saison weitere Spieler hinzukommen. "Es ist eine interessante Herausforderung für den Coaching Staff, alles zusammenzubringen, weil sich der Kader in den ersten Saisonwochen definitiv noch verändern kann."
Gerade diese außergewöhnliche Situation habe Shuey aber auch gereizt. Die Aufgabe sei voller neuer und spezieller Herausforderungen. Die Spieler, die jetzt bereits im Camp sind, sollen den frühen Kern des Teams bilden und später helfen, neue Spieler einzuarbeiten. Das gilt auch wegen möglicher Sprachbarrieren. Wenn Spieler aus Italien, Spanien, den USA oder anderen Ländern zusammenkommen, könne es vorkommen, dass Details in der Übersetzung verloren gehen. Deshalb will Shuey erfahrene Spieler innerhalb des Systems bewusst als Ressource nutzen.
Sein Fokus liegt zunächst klar auf Anpassungsfähigkeit. Gemeinsam mit Offensive Coordinator Mike Mitchell, Paul Wulff und dem restlichen Staff werden täglich Szenarien besprochen. Was passiert, wenn auf einer Position noch nicht genug Spieler verfügbar sind? Wie kann man den Gameplan anpassen? Welche Rolle kann ein Spieler übernehmen, wenn er erst wenige Tage vor dem ersten Spiel dazustößt? Shuey formuliert es pragmatisch: "Wir müssen kontrollieren, was wir kontrollieren können. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir haben, nicht auf das, was uns fehlt."
Auch deshalb geht es den Red Lions zu Beginn weniger um einen vollständig ausgereiften Spielplan als um Grundlagen, Rollenverteilung und Entwicklung. Shuey betont, dass man früh in der Saison mit einer begrenzten Call Sheet arbeiten müsse, weil noch nicht die komplette Offense, Defense und Special Teams installiert sein können. Das Team werde sich voraussichtlich über mehrere Wochen verändern. Für die Coaches bedeute das, im Spiel schnell Informationen zu verarbeiten und Spieler in möglichst gute Situationen zu bringen.
Positiv bewertet Shuey die ersten Eindrücke von der AFLE. Bei den Liga Meetings in Wien sei er von der Organisation beeindruckt gewesen. Es sei wichtig gewesen, andere Head Coaches kennenzulernen, mit Spielern zu sprechen und von Coaches zu lernen, die bereits länger in Europa tätig sind. Auch die Einbindung der Offiziellen hob er hervor. Walt Anderson habe mit den Referees gearbeitet und Regeln sowie Erwartungen erklärt. Gerade in einer neuen Liga sei Konsistenz im Officiating ein wichtiger Punkt.
Auf einen bestimmten Gegner will sich Shuey noch nicht festlegen. Zwar beginnt die Saison für Florenz auswärts bei den Paris Lights, doch im Moment liege der Fokus vor allem auf dem eigenen Team. "Aktuell geht es mehr um uns als um den Gegner." Erst wenn mehr Film verfügbar sei und die Saison laufe, könne man stärker in klassische Spielvorbereitung und Matchup Analyse gehen. In der Frühphase müsse vor allem jeder Spieler wissen, was er in bestimmten Situationen, bei bestimmten Plays und Calls zu tun hat.
Besonders beeindruckt zeigt sich Shuey davon, wie schnell Spieler aus unterschiedlichen Kulturen zusammengefunden haben. Nach dem Training sehe man Spieler aus verschiedenen Ländern gemeinsam zusammensitzen. Für ihn ist Football dabei die verbindende Sprache. "Sie sprechen vielleicht unterschiedliche Muttersprachen, aber wenn es um Football geht, sprechen sie alle Football." Gleichzeitig sei der Staff bereit, sich auf die Spieler zuzubewegen. Wenn ein Call auf Italienisch oder eine Anpassung in anderer Form helfe, sei alles möglich. Shuey sagt dazu: "Alles liegt auf dem Tisch. Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr etwas im Kopf habt, bringt es ein. Wenn wir es einbauen können und es hilft, sind wir offen dafür."
Das beschreibt den Kern dieses Projekts gut. Die Firenze Red Lions starten nicht als fertige Toporganisation in die AFLE. Der Coaching Staff ist im Vergleich zu Teams wie Rhein Fire, den Vienna Vikings oder Panthers Wroclaw dünner besetzt, mehrere Coaches übernehmen Doppelfunktionen. Gleichzeitig bringt Shuey enorme Erfahrung, klare Struktur und eine realistische Einschätzung mit. Er weiß, dass nicht alles sofort perfekt sein wird. Entscheidend ist für ihn, dass die Organisation schnell lernt und wächst.
Sportlich gibt es bereits interessante Bausteine. Quarterback Matthew McKay soll als erster Spielmacher der Franchise Geschichte die Offense prägen. Der frühere Frankfurt Galaxy Quarterback bringt Dual Threat Qualitäten mit und sammelte in den vergangenen beiden Jahren trotz Verletzungen über 2.700 Passing Yards und 20 Touchdowns. Dazu kommen Spieler wie Offensive Lineman Abraham Chacón, Wide Receiver Lorenzo Cinelli sowie junge defensive Talente wie Gibril Krubally, Ellis Phillips und Szabolcs Szöllősi. Die Red Lions setzen damit bewusst auf eine Mischung aus Erfahrung, internationalem Potenzial und italienischer Entwicklung.
Shuey selbst definiert Erfolg im ersten Jahr nicht ausschließlich über Siege. Natürlich wolle jeder gewinnen, doch der Fokus liege zunächst auf dem Prozess. Er teilt die Saison gedanklich in vier Viertel ein. Im letzten Viertel der Saison sollen die Red Lions deutlich besseren Football spielen als im ersten. Individuell, kollektiv, schematisch, fundamental und kulturell soll das Team wachsen. "Wir wollen zeigen, dass wir uns im Laufe der Saison verbessern. Im vierten Viertel der Saison wollen wir ein viel besseres Team sein als jetzt."
Damit ist die Richtung klar. Florenz will 2026 nicht nur antreten, sondern ein Fundament legen. Bill Shuey ist dabei der Mann, der aus einem neuen Kader, einem noch wachsenden Staff und vielen offenen Variablen möglichst schnell eine funktionierende Football Mannschaft formen soll. Für die Red Lions wird die erste AFLE Saison ein Testlauf, ein Lernprozess und vielleicht der Beginn eines langfristigen Projekts, das in Italien eine neue Rolle einnehmen könnte.
Foot Bowl - 14.05.2026

Bill Shuey Head Coach Red Lions (© Corey Perrine)
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