Tom Brady bei der OMR in Hamburg: "...irgendwie ein Arschloch"

Tom Brady auf der OMR-Bühne in HamburgSelbstkritik, Führungskultur und ein klares Bekenntnis zur NFL-Expansion – der zweite Tag des OMR Festivals in Hamburg war ein ungewöhnlich ehrlicher Abend mit einer lebenden Football-Legende.

Hamburgs Bühne für Medien, Marketing – und immer öfter auch Sport

Wer das OMR Festival zum ersten Mal betritt, ist schlicht überwältigt. 70.000 Menschen strömen durch die Hallen der Hamburger Messe, Schlangen bilden sich vor Stages und Masterclasses, und auf den Bühnen wechseln sich Konzern-CEOs mit Kreativen, Politikern und Weltstars ab. Was 2011 als überschaubare Online-Marketing-Konferenz begann, ist heute eines der größten Digitalwirtschaftsfestivals Europas – ein Ort, an dem Popkultur, Unternehmertum und digitale Wirtschaft aufeinandertreffen. Tickets kosten bis zu 600 Euro für beide Tage, mehr als 800 Speaker stehen auf den Bühnen. In der Vergangenheit gaben sich etwa Ryan Reynolds oder Kim Kardashian die Ehre.

Für Football-Fans ist das OMR spätestens seit diesem Jahr ein Pflichttermin. Denn der überragende Star des zweiten Festivaltages war kein geringerer als der Beste, der diese Sportart jemals gespielt hat – und er hatte mehr zu sagen, als viele erwartet hatten.

"Als Quarterback war ich irgendwie ein Arschloch" – ungewohnte Offenheit auf der großen Bühne

Am späten Nachmittag des 6. Mai betrat Tom Brady die Conference Stage. Patrick Esume und OMR-Gründer Philipp Westermeyer begrüßten ihn zum Fireside Chat – und von der ersten Minute an war klar: Das würde kein glatter PR-Auftritt werden.

Brady ließ kaum Zeit verstreichen, bevor er sich selbst auf überraschende Weise einordnete: "Als ich noch Quarterback war – und ich bin mir sicher, dass viele meiner ehemaligen Teamkollegen das bestätigen würden –, war ich irgendwie ein Arschloch." Kein Zögern, kein Relativieren. Der Satz blieb im Saal hängen.

Was er damit meinte, wurde schnell deutlicher. Als Quarterback sei er kompromisslos gewesen – bis ins letzte Detail. Fehler wurden nicht toleriert, Abweichungen vom Plan erst recht nicht. Wer Brady als Mitspieler hatte, weiß das. Was in Hamburg jedoch bemerkenswert war: Brady sprach darüber ohne Nostalgie und ohne Rechtfertigung. Es war eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Führungsstil – und dessen Schattenseiten.

Erst im Laufe seiner Karriere, so Brady, habe er gelernt, gelassener zu reagieren, wenn Dinge nicht nach Plan laufen. Die Fähigkeit, Kontrolle loszulassen – oder zumindest anders damit umzugehen – sei eine seiner härtesten persönlichen Lektionen gewesen. Für alle, die je in einer Mannschaft gespielt oder ein Team geführt haben, war das ein Moment, der über Football weit hinausging.

Erfolg als Haltung – und was danach kommt

Der zweite große Strang des Gesprächs drehte sich um Erfolg als Mindset – jenseits des Spielfelds. Brady entwarf dabei ein klares Bild: Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, länger bleiben als alle anderen, sich nicht mit Mittelmaß zufriedengeben. Das seien keine Selbstverständlichkeiten, sondern täglich neu getroffene Entscheidungen. Gewinnen, so seine Überzeugung, ist das Ergebnis aus Disziplin, Ausdauer und dem unbedingten Willen zum Sieg – und genau dieses Prinzip zieht sich bis in sein Leben nach der aktiven Karriere.

Unternehmerisch ist Brady seit seinem endgültigen Rücktritt 2023 alles andere als untätig. Seine Fitness- und Wellnessmarke TB12 wurde mit Nobull zusammengeführt, wo er als Gesicht und Großinvestor auftritt. Mit 199 Productions – der Name verweist auf seine Draft-Position im Jahr 2000 – betreibt er eine eigene Produktionsfirma. Und unter dem Dach von Religion of Sports entstehen Dokumentationen über die mentalen und kulturellen Seiten des Sports. Auf seine Rolle als TV-Kommentator und die gemunkelte 300 Millionen US-Dollar Vergütung angesprochen, antwortete Brady trocken: "So ungefähr."

Das OMR-Publikum – Marketingprofis, Gründerinnen, Medienmenschen – nahm all das sichtlich begeistert auf. Nach seinem Auftritt stand Brady noch kurz für Autogramme zur Verfügung. Für viele im Saal war es schlicht ein außergewöhnlicher Moment: einer der besten Sportler aller Zeiten, mitten in Hamburg, ungewohnt offen und greifbar nah.

Flag Football auf dem Vormarsch: Die DKB-Masterclass mit Sebastian Vollmer

Abseits der großen Bühne war das OMR noch an einem weiteren Ort ein Pflichttermin für Football-Fans: einer Masterclass mit dem Titel "The Next Tom Brady – Finden NFL und DKB in Deutschland den neuen Football-Superstar?" In einem deutlich kleineren, fast intimen Rahmen diskutierten Alexander Reimann von der NFL, Flag-Football-Spielerin Mona Stevens, DKB-Stratege Norman Arnold und Sebastian Vollmer – der nach seiner NFL-Karriere längst zu einer der wichtigsten deutschen Stimmen im Football-Kontext geworden ist.

Im Mittelpunkt stand weniger die Suche nach dem nächsten Superstar als vielmehr eine gesellschaftliche Entwicklung, die die Football-Gemeinde in Deutschland schon länger beobachtet: der rasante Aufstieg von Flag Football. Die kontaktärmere Variante öffnet Türen, die Tackle Football verschlossen lässt – Mädchen und Jungen spielen gemeinsam, Schulen binden die Sportart in den Unterricht ein, und immer mehr junge Menschen kommen erstmals mit Football in Berührung. Mehrere hundert Schulen bundesweit bieten Flag Football mittlerweile aktiv an, Tendenz stark steigend.

Der nächste Schub könnte 2028 kommen: Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles wird Flag Football erstmals olympisch sein. Für die Branche – und für die NFL als globale Marke – würde das völlig neue Zielgruppen erschließen. Passend dazu war auch Bradys Botschaft auf der großen Bühne ein klares Bekenntnis zur NFL als internationalem Entertainment-Produkt. Dass er diese Botschaft ausgerechnet in Hamburg überbrachte, war kein Zufall: Deutschland ist für die League einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt.

Hamburg als Football-Standort der besonderen Art

Das OMR ist keine Sportveranstaltung – und will es auch nicht sein. Aber es ist längst ein Ort, an dem der Sport eine echte Rolle spielt: als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, als Blaupause für Markenaufbau, und als Bühne für Persönlichkeiten, die weit über ihr ursprüngliches Feld hinaus wirken. Brady hat das in Hamburg eindrucksvoll bewiesen. Sein Auftritt war inhaltlich substanziell, ehrlich – und für Football-Fans ein seltener Einblick in den Kopf eines Spielers, der das Spiel wie kaum ein anderer geprägt hat.

Wer das OMR bisher als reine Marketing-Messe abgetan hat, sollte 2027 vielleicht doch einen zweiten Blick riskieren.





Nicholas Fanselow - 07.05.2026

Tom Brady auf der OMR-Bühne in Hamburg

Tom Brady auf der OMR-Bühne in Hamburg (© Sascha Erpenbach-Schönheit / Klass Werbeagentur)

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