Wenige Tage vor dem Start der neuen EFA Saison hat Frank Kristensen, Head of Officiating der Liga, in der Dienstagsausgabe von "EFA Playbook with Bress und Tebbs" tiefe Einblicke in die Arbeit seiner Abteilung gegeben. Dabei wurde schnell klar, wie groß die Aufgabe ist, vor der die Liga im Bereich Schiedsrichterwesen steht. Kristensen sprach nicht nur über seine eigene außergewöhnlich lange Laufbahn, sondern auch über den Aufbau des EFA Officiating Staffs, die Umstellung auf das NFL Regelwerk, die Bedeutung von Replay und die Zusammenarbeit mit NFL Größen wie Walt Anderson.
Kristensens eigene Reise im Football begann bereits 1989. Damals sah der Däne als Austauschschüler in Kansas zum ersten Mal einen Football. "Das war das erste Mal, dass ich einen Football in der Hand gesehen habe. Ich war Austauschschüler in Kansas, kam aus Europa, spielte Fußball, und deshalb haben sie mich als Kicker ins Team gestellt." Wieder zurück in Dänemark half er beim Aufbau eines lokalen Teams, war Spieler, Coach, Clubpräsident und zugleich auch Schiedsrichter. "Es stellte sich heraus, dass ich ein bisschen Talent hatte. Ich fand es interessant, habe es lieben gelernt und seitdem nicht mehr aufhören können."
Aus dieser frühen Faszination wurde eine lange Karriere. Kristensen leitete nach eigenen Angaben seit 1989 Spiele in Dänemark, war bei mehr als 100 internationalen Partien im Einsatz, arbeitete bei über 20 College Spielen in Kalifornien, war auch im Umfeld von NFL Europe aktiv und sammelte zudem in mehr als 50 internationalen Spielen Erfahrung als Supervisor. Entsprechend groß ist sein Blick auf die Entwicklung des Sports in Europa. "Die Entwicklung des Spiels selbst war über all diese Jahre enorm", erklärte er und erinnerte daran, wie sehr sich Football auf dem Kontinent verändert habe. "Damals gab es Tight End, Fullback, Tailback, das Spiel war komplett anders. Heute sieht man nationale Teams, die Run and Shoot oder Run Pass Option spielen, und zwar bis in den Jugendbereich hinein. Das Niveau des Spiels ist nicht einfach nur gestiegen, es ist explodiert."
Diese Entwicklung sieht er auch in der EFA. Dort werde inzwischen "richtig guter Football in ganz Europa gespielt". Dass die Qualität auf dem Feld steigt, bedeutet für die Offiziellen aber auch wachsende Anforderungen. Kristensen betonte mehrfach, wie sehr ihm seine Erfahrungen als Spieler und Coach heute helfen. "Als Spieler lernst du das Spiel aus der Perspektive des Spielers. Das war für meinen Übergang zum Schiedsrichter enorm wichtig, weil ich wusste, wie Spieler denken, wie sie sich bewegen und warum sie sich bewegen." Aus dem Coaching habe er vor allem eines mitgenommen: Kommunikation. "Man muss sehr klar in sehr wenigen Worten kommunizieren. Im Spiel hast du keine Zeit für lange Erklärungen. Meistens hast du drei oder fünf Worte, dann ist der Spieler schon beim nächsten Spielzug."
Besonders interessant waren Kristensens Einblicke in den Aufbau des EFA Schiedsrichterkaders. Er selbst sei erst seit dem 29. Januar im Amt, also gerade einmal rund zehn Wochen vor dem Saisonstart gewesen. "Es war eine monumentale Aufgabe", sagte er. "Wir versuchen, eine Liga und eine Officiating-Abteilung aufzubauen, während wir gleichzeitig schon damit segeln. Wir bauen im Grunde ein Schiff, während wir schon damit unterwegs sind." Die Dimension dieser Arbeit zeigte er an konkreten Zahlen auf. Mehr als 50 Officials seien bereits eingebunden, es gebe zwei Online-Trainings pro Woche, dazu eine eigene Plattform mit NFL Videos, Tests und Schulungsmaterialien. Allein in der Regular Season müsse er "270 Ansetzungen" koordinieren, dazu später noch die Playoffs. Hinzu komme der Aufbau eines Review Systems. "Jeder Offizielle wird bei jedem Spielzug jedes Spiels von mindestens drei europäischen Top-Offiziellen oder US-Offiziellen bewertet." So sollen Feedback, Weiterentwicklung und zugleich auch Antworten für Coaches möglich werden, die nach Spielen konkrete Fragen zu Szenen oder Entscheidungen haben.
Bei der Besetzung der Spiele müsse er dabei verschiedene Faktoren miteinander verbinden. "Es wird immer unterschiedliche Erfahrungsstufen geben", so Kristensen. Einer seiner wichtigsten Parameter sei schlicht die Finanzierung. "Wir haben nicht die Mittel wie in den USA. Dort schickt man Schiedsrichter quer durchs Land, das interessiert finanziell niemanden. Diese Möglichkeiten haben wir nicht." Deshalb spiele auch die Geografie eine große Rolle. Officials aus Kopenhagen würden logischerweise häufiger in Kopenhagen arbeiten, statt sie nach Paris zu schicken und im Gegenzug französische Officials nach Dänemark zu fliegen. Gleichzeitig wolle er aber dafür sorgen, dass jede Crew ein ähnliches Erfahrungsniveau habe, damit das Officiating "überall gleich aussieht, egal welches Spiel man sieht".
Ein weiterer Schwerpunkt ist für ihn die Annäherung an feste Crews. Vollständig umsetzen könne man das in diesem Jahr noch nicht, aber erste Schritte seien möglich. Besonders wichtig sei ihm, dass Referee und Umpire oft gemeinsam arbeiten, genauso wie die beiden Sideline Officials. "Man kann das mit einem Team vergleichen", erklärte Kristensen. "Stell dir vor, du bist Head Coach, ihr macht Donnerstagabend ein Online Meeting und trefft euch dann Samstagmorgen zum Spiel. Das wäre selbst für den besten Coach der Welt schwierig. Aber genau das ist für uns die Realität." Deshalb wolle er möglichst viel Synergie und Vertrautheit schaffen. "Sie sollen sich kennenlernen, Körpersprache lesen können, wissen, wie der andere kommuniziert, genau wie ein Team."
Als besondere Herausforderung in Europa nannte Kristensen die Sprache. "Wir haben Leute aus ganz Europa. Nicht jeder hat die Englischkenntnisse, die wir gern hätten." Noch größer ist aus seiner Sicht aber die Umstellung vom IFAF und NCAA basierten Regelwerk auf NFL Regeln. "Für den Fan sieht das vielleicht fast gleich aus", sagte er. "Ein Fuß oder zwei Füße beim Catch, ein anderer Kickoff, das fällt auf. Aber für uns ist es verrückt, wie viele Unterschiede es gibt." Er habe früher einmal begonnen, eine Liste dieser Unterschiede in einem Dokument festzuhalten. "Als ich bei 50 Seiten angekommen war, habe ich aufgehört." Gerade das "Muscle Memory" langjähriger Offizieller müsse umtrainiert werden. Als Beispiel nannte er die Down by Contact Regel. "Im College ist der Spieler down, wenn das Knie am Boden ist. In der NFL muss er down und berührt sein. Wenn du also nur das Knie siehst, darfst du nicht einfach pfeifen." Selbst Top College Officials brauchten laut Kristensen oft drei bis vier Jahre, um sich wirklich an das NFL Regelwerk zu gewöhnen. "Das ist für uns eine riesige Herausforderung."
Eng verknüpft damit ist auch das Thema Replay. Kristensen sprach von einer "zweifachen Herausforderung". Zum einen sei die Rolle des Replay Officials in Europa noch vergleichsweise neu. "Ein Coach sieht ein Spiel auf eine Art, ein Field Official sieht ein komplett anderes Spiel, und ein Replay Official schaut im Grunde auf eine ganz andere Sportart." Deshalb sei es wichtig gewesen, für die anstehende EFA Clinic in Frankfurt mit Jamie Nicholson einen NFL Replay Experten einzubinden. Zum anderen müssten auch die Officials auf dem Feld lernen, anders zu denken. "Allein zu erkennen, dass ich Replay Hilfe zur Verfügung habe, verändert die Denkweise im Spiel. Es gibt einige Regeln, die wir anders behandeln müssen, weil Replay potenziell verfügbar ist." Auch viele Coaches müssten erst lernen, wann und wie ein Challenge System sinnvoll eingesetzt wird. "Einige wussten nicht einmal genau, wann sie überhaupt challengen dürfen."
Großen Raum nahm im Interview außerdem Kristensens Schiedsrichterphilosophie ein. Dabei erklärte er, dass es im Football eben nicht nur um Regelkenntnis, sondern auch um Interpretation, Wirkung und Spielcharakter gehe. Das deutlichste Beispiel war Holding. "Holding gibt es bei jedem Spielzug", sagte er. "Aber nicht jedes Holding ist es wert, geworfen zu werden." Es gehe darum, wann ein Foul wirklich Einfluss auf das Spiel habe. Ein weiteres Beispiel sei Roughing the Passer. Hier kündigte er eine klare Linie an. "Wir werden die Quarterbacks schützen. Das ist eine unserer Hauptaufgaben." Gerade in einer Liga wie der EFA sei der Qualitätsabfall von Quarterback eins zu Quarterback zwei oft noch deutlicher als in der NFL. "Wenn ein Hit gegen den Quarterback im Graubereich liegt, ob spät oder nicht spät, dann werden wir ihn wahrscheinlich eher werfen. Wir wollen ein Verhalten schaffen, bei dem Verteidiger diesen letzten kleinen billigen Schlag gegen den Quarterback eben nicht mehr setzen." Auf der anderen Seite gebe es Bereiche wie Formationen, in denen man eher dazu neige, keinen Flag zu werfen. "Niemand will fünf Yards Strafen wegen Formation sehen. Wenn es die Defense nicht täuscht, wollen wir die Formation legal machen."
Auch darüber hinaus sprach Kristensen offen über Regeln, die selbst für erfahrene Offizielle schwer zu handhaben sind. Besonders das Intentional Grounding nannte er als problematisch. "Das ist eine sehr schwierige Regel zu officiaten", sagte er. "Der Referee hat den Quarterback. Wenn der gerade umgehauen wird, sieht er nicht, wo der Ball landet. Dann muss jemand anders ihm sagen, wo der Ball hinging, dann musst du zusammensetzen: War er noch in der Pocket, war er draußen, ging der Pass über die Line of Scrimmage, war ein berechtigter Receiver in der Nähe?" Solche Entscheidungen seien oft nur durch enge Kommunikation mehrerer Offizieller möglich.
Ein Höhepunkt des Gesprächs war Kristensens Schilderung der jüngsten NFL Clinic in Berlin. Diese bezeichnete er ohne Zögern als "fantastisch". Bereits im Vorjahr habe es eine erste Zusammenarbeit gegeben, diesmal aber sei das Programm noch deutlich größer gewesen. "Walt Anderson kam dieses Jahr mit sechs Leuten rüber. Fünf Trainer, Supervisoren aus der NFL, sogar mit eigenem Tech Guy. Allein das zeigt, wie viele Ressourcen sie haben." Die NFL habe Hotel, Konferenzräume, Mittagessen und die komplette Struktur finanziert. "Die Leute mussten im Grunde nur nach Berlin kommen und selbst eine Unterkunft finden. Der Rest war komplett kostenlos." Besonders wertvoll seien die Breakout Sessions gewesen. Referees, Umpires, Deep Officials, Line of Scrimmage Officials und Replay Officials konnten jeweils zwei volle Tage in ihren Spezialgruppen arbeiten. "Für uns ist das der Himmel", sagte Kristensen. "Einfach zwei Tage lang nerdige Officiating-Themen auf höchstem Niveau."
Den Wert solcher Veranstaltungen erklärte er auch fachlich. Die NFL Trainer würden Spielszenen "auf einem komplett anderen Level sezieren". Als Beispiel nannte er Pass Interference. Während viele nur auf Hände oder Ball schauen würden, könnten Anderson und sein Team ganz andere Blickwinkel vermitteln. "Er könnte sagen: Schau nicht auf die Hände, schau auf die Hüfte, denn die verrät dir viel mehr darüber, was gerade passiert." Solche Hinweise helfen, Situationen zu erkennen, bevor das eigentliche Foul sichtbar wird. "In zwei Zehntelsekunden musst du manchmal genau wissen, worauf du achten musst. Wenn ein Spieler das tut, dann ist das oft schon ein starker Hinweis darauf, dass gleich ein Foul passieren wird."
Genau diese Erkenntnisse wolle er in seine Arbeit bei der EFA übertragen. "Es geht darum, den Officials auf dem Feld dieses Wissen zu geben, damit sie Dinge schneller erkennen und an den richtigen Stellen hinschauen." Für ihn selbst sei es aber ebenso wertvoll, Ansprechpartner zu haben, auf deren Erfahrung er sich stützen könne. "Wenn es um Philosophie geht, um die Frage, wie wir eine Regel interpretieren oder anwenden sollen, dann hilft mir dieses Wissen enorm, damit ich meinen Job besser machen kann." Und dieser Job sei für ihn klar definiert. "Es geht nicht um mich. Es geht darum, das Produkt auf dem Feld auf ein möglichst hohes Niveau zu bringen."
Auf die Frage, auf welches Spiel er sich am meisten freue, blieb Kristensen bewusst neutral, sagte dann aber doch sehr deutlich, worauf er hinarbeitet. "Ich freue mich auf das Friday Night Game in Frankfurt in Woche eins." Der Grund sei dabei nicht eine bestimmte Mannschaft oder ein bestimmter Spieler, sondern der symbolische Moment. "Das wird das Ende der Preseason und all der Arbeit markieren, die wir leisten mussten, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen. Sobald wir in die Saison kommen, hoffe ich, dass wir in diesen wöchentlichen Rhythmus hineinkommen. Dann können wir das Spiel der vergangenen Woche abschließen und uns auf das nächste konzentrieren." Erst dann, so Kristensen, werde er "ein glücklicher Camper" sein.
Zum Schluss sprach der EFA Head of Officiating auch darüber, wie neue Menschen in den Schiedsrichterbereich finden können. Für komplette Neulinge sei eine NFL Clinic zunächst wahrscheinlich noch zu viel. "Wenn du ganz neu bist, dann frag Google: Wo ist der nächste Club in meiner Nähe?" Über lokale Vereine und Verbände könne man dann an Regelbücher, Mechanics und erste Betreuung gelangen. Er warnte aber auch davor zu glauben, dass ehemalige Spieler automatisch die Regeln beherrschten. "Spieler kennen Football, aber sie kennen nicht die Football-Regeln. Als ich Spieler war, kannte ich die Regeln auch nicht." Trotzdem lohne sich der Einstieg. "Wenn dich dieser Virus einmal packt, dann ist das ansteckend. Man verliebt sich einfach hinein. Und die Officiating Community ist eine fantastische Gemeinschaft, in die man hineinkommen kann."
So wurde aus einem vermeintlich technischen Gespräch ein ebenso detaillierter wie spannender Blick hinter die Kulissen einer neuen Liga. Kristensen machte dabei deutlich, dass sich die EFA im Bereich Officiating nicht mit einer Improvisationslösung zufriedengeben will. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass Professionalität, Ausbildung, Philosophie und internationale Vernetzung von Beginn an feste Bestandteile des Projekts sein sollen. Für Beobachter der Liga dürfte das mindestens genauso interessant sein wie das, was in wenigen Tagen auf dem Feld passiert.
Foot Bowl - 15.04.2026

Frank Kristensen (rechts) Head of Officiating der EFA (© Foot Bowl / Just Shots)
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