Joshua Wünsch jagt mit Potsdam den nächsten Entwicklungssprung

Joshua WünschJoshua Wünsch ist keiner, der sich auf Erfolgen ausruht. Zwei deutsche Meisterschaften, der Status als dominanter Linebacker in der Effect Energy GFL und der Ruf als absoluter Difference Maker hätten genügend Gründe geliefert, um sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Doch genau das ist nicht seine Art. Der 1,84 Meter große und 105 Kilogramm schwere Verteidiger geht auch 2026 wieder für die Potsdam Royals aufs Feld und macht schon im Interview klar, dass ihn nicht der Blick auf Pokale antreibt, sondern der Anspruch, sich selbst immer weiter zu steigern.

Der gebürtige Dachauer, der einen großen Teil seiner footballerischen Entwicklung in den USA durchlief, steht sinnbildlich für den Potsdamer Weg. Über Lake Orion High School und Albion College arbeitete sich Wünsch zu einem Spieler hoch, der nicht nur Leistung bringt, sondern auch Haltung verkörpert. 2023 lief er in Deutschland zunächst für die Saarland Hurricanes auf, ehe er in Potsdam endgültig den nächsten Schritt machte. Spätestens seit seiner Saison als GFL Sack Leader 2024 ist klar, dass Wünsch zu den prägendsten Verteidigern der Liga gehört. Dass er trotzdem bleibt, hat für ihn sehr konkrete Gründe.

"Es ist fast derselbe Grund wie im vergangenen Jahr. Potsdam ist einfach eine professionelle Organisation. Die Art, wie dort gearbeitet wird, wie intern alles geführt wird und wie die Meetings aufgebaut sind, ist auf einem sehr hohen Niveau. Besonders wichtig ist für mich, dass die Kultur von den Spielern getragen wird. Die Coaches haben selbstverständlich Einfluss, aber die Richtung, der Fokus und die Standards kommen aus dem Team selbst. Genau so baut man in meinen Augen eine erfolgreiche Organisation auf."

Diese Antwort ist bezeichnend. Wünsch spricht nicht zuerst über Titel, nicht über Prestige und auch nicht über äußere Bedingungen. Stattdessen hebt er Strukturen, Verantwortung und Teamkultur hervor. Gerade darin sieht er den Kern dessen, was Potsdam von vielen anderen Teams unterscheidet.

Wer seine Leistungen in den vergangenen Jahren verfolgt hat, erkennt schnell, dass diese Haltung kein Lippenbekenntnis ist. Wünsch gehört zu den Spielern, die auf dem Feld auffallen, aber ihre Dominanz schon lange vorher vorbereiten. Sein Erfolgsrezept beginnt nicht erst am Gameday, sondern in den unsichtbaren Stunden davor.

"Der wichtigste Punkt ist Konstanz. Nicht nur auf dem Footballfeld, sondern auch im Kraftraum und im Film Room. Diese Konstanz muss in jedem Bereich vorhanden sein. Wenn du in deinen Workouts nicht konsequent bist, dann fehlt dir am Ende die Athletik, die Schnelligkeit oder die Kraft, um dich auf dem Feld durchzusetzen. Alles hängt zusammen."

Der Blick hinter die Kulissen zeigt, wie detailverliebt Wünsch an seinem Spiel arbeitet. Es geht ihm nicht einfach darum, körperlich fit zu sein. Er will Situationen verstehen, Muster erkennen und sich Vorteile verschaffen, bevor der Ball überhaupt gesnappt wird. Besonders im Zusammenspiel mit seinen Mitspielern wird deutlich, wie ernst er diese Vorbereitung nimmt.

"Ryan Minniti und ich setzen uns zusammen und schauen Film. Das ist extrem wertvoll, weil wir das Spiel unterschiedlich sehen. Jeder achtet auf andere Details und genau daraus entsteht ein besseres Gesamtbild. Dann sprechen wir darüber, wie wir bestimmte Dinge verteidigen oder gezielt angreifen können. Wenn wir erkennen, dass ein Offensive Lineman eine Schwäche hat, suchen wir nach einem Weg, das für uns zu nutzen."

Zwischen Analyse und Instinkt liegt für Wünsch der entscheidende Unterschied zwischen guten und sehr guten Spielern. Wer auf dem Feld noch nachdenken muss, ist oft schon einen Schritt zu spät. Deshalb beginnt seine Leistung nicht im Moment der Aktion, sondern in der Wiederholung, im Verinnerlichen und im permanenten Feinschliff.

"Auf dem Spielfeld kannst du nicht jede Situation aktiv durchdenken. Dafür ist keine Zeit da. Diese Arbeit musst du vorher erledigen, in den Meetings, im Film Room und im Training. Dann reagiert dein Körper im Spiel automatisch richtig, weil du die Situationen schon im Kopf durchgespielt hast."

Auch seine Wochenstruktur folgt genau diesem Prinzip. Wünsch denkt nicht in großen Schlagzeilen oder fernen Zielen, sondern von Woche zu Woche. Selbst in einer langen Saison bleibt der Fokus eng gesetzt und konsequent auf den nächsten Schritt ausgerichtet.

"Wir sagen ganz klar: week to week. Wir wollen jede Woche besser werden. Wenn ein Spiel vorbei ist, schauen wir zuerst unser Tape, machen die Corrections und dann geht der Blick sofort auf den nächsten Gegner. Alles ist darauf ausgelegt, den nächsten Schritt zu machen und nicht stehenzubleiben."

Bemerkenswert ist dabei, dass er selbst in der Offseason nicht den Fehler macht, sich zu früh in Gegnern zu verlieren. Stattdessen setzt er zuerst bei sich selbst und beim eigenen Team an. Auch das passt zu seinem Grundgedanken, Entwicklung von innen heraus aufzubauen.

"Vor der Saison schaue ich persönlich nicht besonders viel Film von anderen Teams. Zu viel kann sich ändern: Coaches, Quarterbacks, Spielweise, Personal. Ich konzentriere mich zuerst auf unser eigenes Tape aus dem letzten Jahr und darauf, was wir selbst besser machen können. Außerdem bekommen wir bereits früh unsere Installs, sodass wir unser eigenes System sehr tief verinnerlichen können."

Dass ein Spieler auf diesem Niveau überhaupt noch offen über eigene Schwächen spricht, sagt ebenfalls viel über seinen Charakter aus. Wünsch weiß genau, was er kann. Aber er weiß eben auch, wo noch Potenzial liegt. Gerade dieser ehrliche Blick auf sich selbst ist wohl ein weiterer Grund dafür, warum er konstant auf Topniveau performt.

"Ich muss in meiner Pass Coverage besser werden, vor allem in Eins gegen Eins Situationen gegen Running Backs aus dem Backfield. Da weiß ich ziemlich genau, was ich verbessern muss. Es geht jetzt darum, das konsequent zu trainieren und in mein Spiel einzubauen."

Die Schwierigkeit liegt für ihn weniger im Erkennen des Problems als in den Bedingungen der Offseason. Viele Dinge lassen sich allein trainieren. Andere brauchen Mitspieler, Timing und echte Spielsituationen. Genau dort zeigt sich, wie reflektiert Wünsch seine Entwicklung steuert.

"Pass Rush kann ich alleine sehr gut trainieren, weil ich dafür Hilfsmittel nutzen und Bewegungen wiederholen kann. Pass Coverage ist deutlich schwieriger, weil du dafür einen Quarterback, einen Receiver oder Running Back und echte Eins gegen Eins Situationen brauchst. Wenn du meistens allein trainierst, ist das nicht so leicht umzusetzen."

Trotzdem ist sein Trainingsalltag klar strukturiert. Wünsch arbeitet in den USA an seiner Form und verbindet Athletik, Kraft und Football spezifische Bewegung. Auch dabei denkt er wieder ganzheitlich und nie eindimensional.

"Ich gehe aktuell viermal pro Woche ins Gym. Dazu kommen zwei bis drei Einheiten Speed Training, damit ich athletischer und explosiver werde, und ein bis zwei Sessions mit Fokus auf Kraft. Am Wochenende arbeite ich zusätzlich auf dem Feld, weil du die Bewegungen aus dem Gym erst auf dem Spielfeld übertragen musst, damit sie im Training und im Spiel wirklich funktionieren."

Spannend ist vor allem sein Vergleich zwischen den Stationen seiner Karriere. Wünsch hat High School Football, College Football, die Zeit bei Saarland und nun das Umfeld in Potsdam erlebt. Gerade deshalb kann er ziemlich präzise benennen, was ein professionelles Programm ausmacht und wo die entscheidenden Unterschiede liegen.

"Im College hatte ich mit meinen Coaches sehr viel Glück. Sie wussten genau, wie sie das Beste aus uns herausholen. Dort habe ich nicht nur als Spieler viel gelernt, sondern auch als Mensch. Ein Satz, der mich bis heute begleitet, ist: Focus on the root, not the fruit. Konzentriere dich auf die Wurzel, nicht auf die Frucht. Wenn du dich nur auf das Endergebnis fixierst, verlierst du den Prozess und damit die Struktur."

Von dort zieht sich die Linie direkt nach Potsdam. Denn genau diesen Gedanken erkennt Wünsch bei den Royals wieder. Nicht die Meisterschaft wird täglich beschworen, sondern die tägliche Verbesserung. Der Titel ist die mögliche Folge, nicht der Ausgangspunkt.

"Der größte Unterschied zwischen Saarland und Potsdam ist für mich die Organisation. In Potsdam ist alles wie bei einem professionellen Team strukturiert. Es gibt Player Meetings, klare Standards und eine Kultur, die von den Spielern mitgetragen wird. Der Fokus liegt nicht darauf, nur irgendwie die Playoffs zu erreichen. Der Fokus liegt darauf, jede Woche besser zu werden und am Ende der Saison das beste Spiel des Jahres zu spielen."

Gerade dieser Punkt scheint ihm besonders wichtig zu sein. Wünsch spricht nicht abwertend über frühere Stationen, aber er macht deutlich, wie sehr Trainingskultur und Verbindlichkeit die Entwicklung eines Teams beeinflussen. Für ihn ist das kein Nebenaspekt, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

"Wenn du nicht konstant mit genügend Leuten trainierst und wenn Verbindlichkeit fehlt, wird es extrem schwer, sich wirklich zu verbessern. In Potsdam ist die Erwartung klar: Wenn du Teil dieses Teams sein willst, musst du deinen Beitrag leisten. Genau diese Haltung sorgt am Ende dafür, dass du in entscheidenden Momenten bereit bist."

Damit ist auch die Frage nach dem Hunger beantwortet. Wer zwei Titel gewonnen hat, könnte versucht sein, den Fokus automatisch auf die nächste Meisterschaft zu richten. Wünsch denkt anders. Für ihn ist Hunger nicht der Wunsch nach einer Medaille, sondern die innere Unruhe, noch nicht am eigenen Limit angekommen zu sein.

"Der Hunger ist immer da. Aber wenn dein Hunger nur daraus besteht, eine Championship zu gewinnen, dann wirst du sie wahrscheinlich nicht holen. Der Hunger muss daraus kommen, dass du selbst besser werden willst. Ich gehe nicht nach Potsdam zurück, um einfach nur noch einen Titel mitzunehmen. Ich gehe zurück, weil ich weiß, dass ich dort noch besser werden kann."

Auch abseits des Footballs wirkt sein Leben alles andere als gewöhnlich. In der Offseason arbeitet Wünsch in den USA und organisiert seinen Alltag so, dass Football weiter möglich bleibt. Sein aktueller Job passt fast schon ideal in dieses Modell.

"Dieses Jahr arbeite ich für Rocket Mortgage. Das ist ein befristeter Vertrag über sechs Monate und deshalb perfekt für meine Offseason. Ich suche mir bewusst Jobs, die zu meinem Football Rhythmus passen, damit ich danach wieder nach Deutschland gehen und spielen kann."

Langfristig denkt er dennoch weiter. Denn auch wenn Football derzeit einen Großteil seines Lebens bestimmt, beschäftigt er sich mit der Frage, was nach der aktiven Karriere kommt. Dabei hat er ein Feld im Blick, das genauso tiefgründig ist wie seine Art, Football zu denken.

"Wenn Football irgendwann vorbei ist, möchte ich etwas im Bereich kriminelle Psychologie machen. Das Thema fasziniert mich schon lange und ich habe Psychologie studiert. Ob das später in Deutschland oder in den USA passiert, weiß ich noch nicht. Beide Wege sind grundsätzlich offen."

Auch sportlich bleibt er offen für das, was noch kommen kann. Die CFL ist ein mögliches Ziel, das ihn reizt. Gleichzeitig macht er keinen Hehl daraus, dass er Entscheidungen nicht überstürzt, sondern sauber abwägen will.

"Ich arbeite darauf hin, vielleicht irgendwann eine Chance in der CFL zu bekommen. Wenn das klappt, würde ich sicher noch ein paar Jahre weiterspielen. Aber im Moment ist noch alles offen. Ich halte mir meine Türen bewusst offen und werde sehen, was sich entwickelt."

Für die Royals Fans hat Wünsch am Ende eine Botschaft, die zugleich Versprechen und Kampfansage ist. Er spricht über Xeaiver Bullock als Highlight Quarterback, über die Energie im Team und über eine Defense, die sich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben will. Gerade dort wird sein eigener Anspruch noch einmal besonders greifbar.

"Die Fans dürfen sich wieder auf eine geile Saison freuen. Wir haben X wieder als Quarterback und er produziert in jedem Spiel Highlights. Dazu kommt, dass fast unsere gesamte Defense zurückkehrt. Wir hatten vergangenes Jahr die zweitbeste Defense in der Geschichte der GFL. Dieses Jahr wollen wir die beste Defense der GFL Geschichte werden. Wir haben dafür die Spieler, das Scheme und den Coaching Staff."

Dass ihn große Kulissen nicht einschüchtern, sondern eher antreiben, zeigte spätestens der GFL Bowl in Dresden. Auch daran erinnert er sich im Interview mit sichtbarer Begeisterung. Die Atmosphäre, das Setting und die Bedeutung dieses Spiels haben bei ihm Spuren hinterlassen.

"So eine Atmosphäre wie im GFL Bowl hatte ich vorher noch nie. In Dresden gegen Dresden zu spielen, dort zu gewinnen und anschließend in dieser Umgebung zu feiern, das war etwas ganz Besonderes. Solche Momente erlebst du nicht oft. Das war wirklich once in a lifetime."

Joshua Wünsch spricht wie jemand, der genau weiß, warum er erfolgreich ist. Nicht laut, nicht künstlich und nicht in leeren Parolen. Sondern klar, reflektiert und mit einem Plan. Genau das macht ihn für Potsdam so wertvoll. Er ist nicht nur einer der besten Linebacker der Liga, sondern auch ein Spieler, der den Royals Gedanken in Worte fassen kann. Und wenn man ihm zuhört, bekommt man schnell das Gefühl, dass 2026 für ihn und Potsdam nicht einfach nur die Fortsetzung einer Erfolgsserie sein soll, sondern der nächste bewusste Schritt nach vorn.

Foot Bowl - 04.04.2026

Joshua Wünsch

Joshua Wünsch (© Potsdam Royals)

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