Wer das Glück hat, in Bloomington, Indiana das Büro von Head Coach Curt Cignetti besuchen zu dürfen, der wird die Trophäen der letzten College Football Saison vermissen. Zwar hing die CFP-Meisterschaftstrophäe kurzzeitig in Curt Cignettis Büro – fast ausschließlich aus Rekrutierungsgründen – aber wenn Sie heute die Trophäe sehen wollen, die erst einen Monat zuvor in Miami gewonnen wurde, müssen Sie im kleinen Büro von Blake Jackson, dem Leiter der Football Abteilung, vorbeischauen, gleich um die Ecke von Cignettis Büro. Auf einem vollgestellten Schrank stehen die Trophäen der vier wichtigsten Spiele in der Geschichte des Indiana Programms: die Big Ten Championship, der Rose Bowl, der Peach Bowl und die College Football Playoff National Championship.
Cignetti genoss Indianas Playoff-Lauf und die Möglichkeit, ihn mit seiner Familie, seinen Trainerkollegen und Spielern zu teilen. Er nannte es eine "glorreiche fünfwöchige Zeit, ein Indiana Hoosier zu sein". Doch er braucht nicht jeden Tag unzählige sichtbare Erinnerungen an seinen Erfolg. Der Indiana-Trainer gab seinem Trainerstab nach dem 27:21-Sieg der Hoosiers gegen Miami im nationalen Meisterschaftsspiel einen Tag frei, als sie von Miami zurückflogen. Danach ging es wieder an die Arbeit. "Wir konnten den Abend im Hotel ein wenig genießen und sind dann zurückgeflogen. Es gibt viel zu tun. Meine Frau und ich waren nach dem alten Signing Day etwa eine Woche weg. Das war schön. Jetzt haben wir unsere Wochenenden frei, sodass wir das Ganze etwas verarbeiten können, aber wir konzentrieren uns voll und ganz auf die Sison 2026."
Persönlich wirkt Cignetti sachlich und fast zurückhaltend. Er muss keine großspurigen, aufsehenerregenden Ankündigungen mehr zum Thema Indiana Football machen. Stattdessen geht es nun darum, eine neue Herausforderung für Indiana Football zu meistern: mit Erfolg umzugehen und Selbstzufriedenheit zu vermeiden. Wer sich vom Erfolg blenden lässt, verliert schnell an Biss. Es ist noch zu früh, um genau zu wissen, wie Indiana mit dem Erfolg der letzten Saison umgehen wird, da das Frühjahrstraining noch nicht begonnen hat. Doch Cignetti scheint sich keine großen Sorgen zu machen. Er glaubt fest an den Plan, den er und sein Trainerstab entwickelt haben und ist überzeugt, dass die konsequente Umsetzung zu weiteren Erfolgen führen wird.
Indianas Erfolg hat Sportdirektoren und Universitätsleitungen überall Hoffnung gegeben: "Wenn Indiana es kann, warum nicht auch wir?" Im letzten Trainerzyklus sprachen immer mehr Hochschulen davon, ihren eigenen Cignetti haben zu wollen, als ob dieser auf Bäumen wachsen würde. Der Head Coach von Indiana nimmt das alles gelassen. "Ich denke, es ist eine Art Kompliment", sagt er. "Aber was hier passiert ist, ist passiert, weil wir vom Präsidenten bis zum Sportdirektor an einem Strang ziehen und als Trainerstab an einem Strang ziehen. Wir haben eine Philosophie, die ich schon länger verfolge. Die Jungs arbeiten schon lange mit mir zusammen und wir schaffen es, alle auf einen Nenner zu bringen. Ich glaube, die Universität hat sehr früh erkannt, was Erfolg im Football bewirken kann, und hat weiter investiert." Dieser letzte Punkt war von entscheidender Bedeutung. Universitätspräsidentin Pam Whitten und Sportdirektor Scott Dolson haben enorme Investitionen in das Footballprogramm getätigt – zunächst, um es aufzubauen, und jetzt, um es langfristig zu sichern. Dazu gehörte auch ein Acht-Jahres-Vertrag über 105,6 Millionen Dollar für Cignetti, der ihn mit über 13,2 Millionen Dollar jährlich zum bestbezahlten Trainer der FBS Spielklasse machte. Es ist bereits das vierte Mal innerhalb von zwei Jahren, dass Indiana Cignettis Vertrag angepasst hat. Ein bemerkenswerter Aufstieg für einen Mann, der in seiner letzten Saison bei James Madison im Jahr 2023 weniger als 700.000 Dollar verdiente. Er sagt, die Gespräche mit seinem Finanzberater seien nun komplizierter – und vielleicht werde er in Zukunft den einen oder anderen Privatflug statt Linienflügen nehmen –, aber ansonsten sei er immer noch derselbe.
Zum Erfolg gehört aber auch die Freiheit, Nein zu sagen. Seit Cignettis Bekanntheitsgrad im letzten Jahr explosionsartig gestiegen ist – von der Faszination für seine Chipotle-Bestellung bis hin zu T-Shirts mit dem Aufdruck "Curt So Good" am Flughafen von Indianapolis, hat er zahlreiche Angebote von außen erhalten. Darunter auch Firmen, die ihm bis zu 300.000 Dollar für eine einzige Rede bieten. Es kann verlockend sein, sich in diesen Zirkus hineinziehen zu lassen. Er sagt, er werde einen Auftritt absolvieren, von dem er glaubt, dass er dem Bundesstaat nützt, ansonsten meidet er diese Welt. Er liebt es, Spielanalysen zu machen und Football zu trainieren, nicht Reden zu halten. "Viele Leute nehmen solche Angebote an", sagte Cignetti. "Ich verdiene genug. Ich bin dankbar für die Angebote und die Möglichkeiten, aber ich habe einen anderen Beruf."
Die Universität hat Cignettis engsten Mitarbeitern, Offensive Coordinator Mike Shanahan und Defensive Coordinator Bryant Haines, ebenfalls mit lukrativen Verträgen belohnt. Shanahan und Haines weckten beide das Interesse von College und NFL-Teams, doch die Tatsache, dass sie nach dem Titelgewinn blieben, spricht für Cignetti und Indiana. Indiana ist nun ein Ziel, nicht nur eine Zwischenstation. Diese Kontinuität im Trainerstab ist ein wesentlicher Bestandteil von Indianas Erfolgsrezept und ein Grund für großen Optimismus hinsichtlich der Zukunftsaussichten der Hoosiers. Shanahan und Haines, der in diesem Jahr mit dem Broyles Award als bester Assistenztrainer der Nation ausgezeichnet wurde, arbeiten bereits seit Cignettis Zeit in der Division II an der IUP mit ihm zusammen. Sie wissen genau, was der Chef will und wie er seine Spieler entwickeln und trainieren möchte. Das erleichtert den Übergangsprozess, wenn viele neue Gesichter auf Schlüsselpositionen im Kader stehen. Indiana verlor Quarterback Trainer Chandler Whitmer (Tampa Bay Buccaneers) und Krafttrainer Derek Owings (Tennessee), konnte sie aber durch zwei Trainer ersetzen, die Cignetti bereits gut kannte.
Beide Personalien dürfte auch dem Kader helfen, der den voraussichtlichen Nummer-1-Pick Fernando Mendoza und wichtige Leistungsträger wie D'Angelo Ponds, Elijah Sarratt, Aiden Fisher, Pat Coogan und andere verliert. Der Januar war für Cignetti und sein Trainerteam besonders hektisch, da sie Mendoza und Co. auf den Kampf um die nationale Meisterschaft vorbereiteten und gleichzeitig im schnelllebigen Transferportal nach Ersatz suchten.
Die nächste Phase: Cignetti war in allen Bereichen erfolgreich – außer beim Schlafen. Er kam nur auf etwa drei Stunden Schlaf, während er eine Top 10Transferklasse zusammenstellte und nachts über all die anstehenden Aufgaben nachdachte. TCU Quarterback Josh Hoover, Michigan State Receiver Nick Marsh und Wisconsin Offensive Lineman Joe Brunner führen Indianas Neuzugänge an. Cignetti freut sich darauf, mit dem Frühjahrstraining zu beginnen und zu sehen, wie sich die Neuzugänge in die von ihm aufgebaute Siegermentalität einfügen. Angesichts der rasanten Entwicklungen im Transfergeschäft muss man auf seine Vorbereitung und sein Gespür für die Spieler vertrauen. Er ist zufrieden mit der Gruppe, die er hinzugewonnen hat, aber die Zeit wird zeigen, wie sie mit dem Druck umgehen, den Titel als Landesmeister verteidigen zu müssen. Die Zeiten, in denen Indiana als Außenseiter galt, sind längst vorbei, und damit einhergehend sind die Erwartungen gestiegen.
Was bleibt? Die gleichen hohen Standards, die Cignetti nach Bloomington brachte und die den Sport für immer verändert haben. "Wir werden unsere Vorgehensweise nicht ändern", sagte Cignetti. "Wenn es einen besseren Weg gäbe, hätten wir ihn letztes Jahr schon angewendet. Man hört oft: ‚Oh, ihr seid ganz oben und wie schwer es ist, dort zu bleiben.‘" Es ist schwer, diesen Punkt zu erreichen, und selbst ein Team, das konstant gute Leistungen bringt, kann den Erfolg vielleicht nicht wiederholen, weil ein anderer Spieler einfach besser ist. "Ich bin nicht der Typ, der eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verbreitet, dass wir satt und zufrieden sind, nur weil im Moment alles in die richtige Richtung zu laufen scheint."
Schlüter - 06.03.2026

Die Zeit de Party ist vorbei - Curt Cignetti bereitet sich und die Hoosiers auf die neue Saison 2026 vor. (© Getty Images)
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