Berlin Thunder muss in diesen Tagen gleich mehrere bittere Entwicklungen verkraften und sie stehen sinnbildlich für eine Phase des Umbruchs, die das Hauptstadt-Franchise vor dem Neustart in der AFLE besonders hart trifft. Mehrere Leistungsträger sowie ein Coach verlassen das paneuropäisch ausgerichtete Programm und wechseln zurück in die GFL. Sportlich begegnen sich beide Organisationen zwar nicht direkt auf dem Feld, doch im Berliner Football-Ökosystem greifen sie auf denselben Markt an Spielern, Coaches und Strukturen zu und genau dort entsteht die eigentliche Konkurrenz. Während Thunder in eine neue Liga startet und Stabilität benötigt, verstärken sich die Berlin Rebels gezielt aus demselben Talentpool. Für Thunder ist das ein spürbarer Dämpfer und möglicherweise noch nicht das Ende der personellen Bewegung.
Mit Paul Seifert verliert Berlin Thunder einen der konstantesten deutschen Defensivspieler der vergangenen Jahre. Der 1997 in Bamberg geborene Linebacker war seit 2021 fester Bestandteil der Thunder-Defense und entwickelte sich in fünf ELF-Spielzeiten zu einer Identifikationsfigur. In insgesamt 51 Spielen sammelte er nahezu 350 Tackles, 16,5 Tackles for Loss, 3,5 Sacks und sechs Interceptions, eine davon trug er bis in die Endzone zurück. Hinzu kommen 28 verteidigte Pässe, die seine Qualität in der Passverteidigung ebenso unterstreichen wie seine Präsenz gegen den Lauf.
Seifert stand über Jahre hinweg für Verlässlichkeit in einer Defense, die immer wieder neu zusammengesetzt wurde. Bereits in der Premierensaison 2021 setzte er mit 56 Tackles, einem Sack, zwei Interceptions und drei geblockten Special-Teams-Plays ein deutliches Ausrufezeichen. 2022 steigerte er sich auf 88 Tackles und neun Pass Break-ups und wurde vereinsintern mit dem "Thunder Hitstick Award" ausgezeichnet. 2023 bestätigte er dieses Niveau mit 90 Tackles, 7 Tackles for Loss und 2,5 Sacks in nur zwölf Regular-Season-Spielen. Seine Spielweise war geprägt von Aggressivität gegen den Lauf, Disziplin in Coverage und dem Gespür für spielentscheidende Momente.
Für Thunder wiegt dieser Abgang schwer, weil Seifert nicht nur sportliche Qualität, sondern auch emotionale Stabilität brachte. Mit 1,82 Metern und 85 Kilogramm verkörperte er ein modernes, bewegliches Linebacker-Profil, das sowohl in der Box als auch im Nickel flexibel einsetzbar war. Solche Spielertypen sind im deutschen Markt rar und umso wertvoller in einer Phase, in der ein Franchise in eine neue Liga startet.
Auch Jonas Gacek kehrt der Thunder-Defense den Rücken und schließt sich den Berlin Rebels an. Der deutsche Nationalspieler war in der vergangenen Saison einer der konstantesten Defensive Backs im Team. In elf Spielen 2025 verbuchte er 45 Tackles, zwei Forced Fumbles und zehn Passverteidigungen. Besonders prägend war eine 44-Yard-Interception, die seine Antizipation und sein Playmaking eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Gacek bringt eine lange Vita mit: Ausgebildet bei den Dresden Monarchs, für die er von 2013 bis 2021 aktiv war und 2021 den German Bowl gewann, folgten Stationen bei den Potsdam Royals, ehe er 2023 erstmals für Berlin Thunder in der ELF auflief. 2024 sammelte er zusätzliche internationale Erfahrung bei den Raiders Tirol mit 59 Tackles, einer Interception und acht Pass Break-ups in zwölf Spielen. Diese Vielseitigkeit und Systemerfahrung machten ihn für Thunder besonders wertvoll – gerade in einer Secondary, die auf Kommunikation, Routine und Spielintelligenz angewiesen ist.
Mit Seifert und Gacek verliert Thunder gleich zwei Stützen der Defense – Spieler, die nicht nur statistisch, sondern auch strukturell wichtig waren. Defensivsysteme leben von Abstimmung, Vertrauen und eingespielten Abläufen. Wenn gleich mehrere Fixpunkte wegbrechen, entsteht nicht nur eine Lücke im Depth Chart, sondern eine Herausforderung in der gesamten Identität der Unit.
Der personelle Einschnitt betrifft jedoch nicht nur das Feld. Mit Ippokratis Georgiadis verlässt auch ein Coach das Franchise. Der zuletzt bei Berlin Thunder als Special Teams Coordinator und Running Backs Coach tätige US-Amerikaner übernimmt zur Saison 2026 die Defensive Line der Berlin Rebels und kehrt damit aus dem Franchise-System zurück in die GFL. Georgiadis ist in Berlin kein Unbekannter: 2023 spielte er bei den Berlin Adlern, nachdem er zuvor von der Western New England University nach Europa gekommen war, wo er zwischen 2018 und 2022 zwei Conference Championships gewann. 2024 schlug er endgültig die Trainerlaufbahn ein und arbeitete als Defensive-Line-Coach und Assistant Defensive Coordinator bei den Adlern, bevor er 2025 zu Thunder wechselte.
Gerade der Verlust eines Special-Teams-Verantwortlichen ist in einer Umbruchphase nicht zu unterschätzen. Special Teams entscheiden enge Spiele, sie spiegeln Disziplin und Detailarbeit wider – zwei Aspekte, die für ein Franchise im Übergang essenziell sind. Auch hier verliert Thunder Know-how und interne Struktur in einem sensiblen Moment.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Berlin Thunder und die Berlin Rebels sind sportlich keine direkten Konkurrenten, da sie in unterschiedlichen Ligensystemen agieren – Thunder zuletzt in der ELF und künftig in der AFLE, die Rebels als traditionsreicher Verein in der GFL. Doch im Berliner Football-Markt greifen beide Programme auf denselben Spieler- und Trainerpool zu. Genau dort entsteht die spürbare Dynamik. Wenn ein Hauptstadt-Programm mehrere Leistungsträger verliert und das andere zeitgleich gezielt verpflichtet, verschiebt sich zumindest die Wahrnehmung innerhalb der Stadt.
Für Berlin Thunder kommt diese Entwicklung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Neustart in der AFL verlangt Klarheit, Stabilität und eine erkennbare sportliche Linie. Stattdessen muss das Franchise nun mehrere Schlüsselpositionen neu besetzen – auf dem Feld wie an der Seitenlinie. Und intern stellt sich zwangsläufig die Frage, ob diese Abgänge isolierte Entscheidungen sind oder Teil einer größeren Bewegung. In Umbruchphasen prüfen Spieler und Coaches ihre Perspektiven neu. Wenn sich Rahmenbedingungen ändern, verändern sich auch Prioritäten.
Die Berlin Rebels wiederum profitieren sichtbar von der Situation. Sie verstärken sich mit erfahrenen Nationalspielern und einem Coach, der sowohl die ELF-Strukturen als auch die Berliner Football-Landschaft kennt. Für das GFL-Programm ist das ein strategischer Schritt innerhalb desselben Talentmarktes. Für Thunder bedeutet es, dass Qualität und Erfahrung nicht nur verloren gehen, sondern im selben städtischen Umfeld verbleiben.
Am Ende steht Berlin Thunder vor einer doppelten Aufgabe: sportlich konkurrenzfähig in die AFL zu starten und gleichzeitig intern Stabilität zu bewahren. Die Abgänge von Paul Seifert, Jonas Gacek und Ippokratis Georgiadis sind schmerzhaft, weil sie Qualität, Führungsstärke und Identifikation betreffen. Ob es dabei bleibt oder weitere Wechsel folgen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Klar ist jedoch schon jetzt: Der Neustart in der AFL beginnt für Thunder unter erschwerten Bedingungen, noch bevor der erste Snap gespielt ist.
Foot Bowl - 17.02.2026

Paul Seifert bekommt eine Hand ins Gesichtsgitter - Sinnbildlich für die aktuelle Lage von Thunder (© Foot Bowl/JUST SHOTS)
Leser-Bewertung dieses Beitrags: