Der Mann, der Jay Berwanger war

Jay Berwanger 1935, während der Heisman Trophy Verleihung.In der College Football Hall of Fame in Atlanta, Georgia, befindet sich eine besondere Vitrine. Auf einzelnen Sockeln, beleuchtet und präsentiert, sind Joe Montanas Suppenschüssel, Red Granges getragener Helm und der Helm von 1935 ausgestellt, den der erste Heisman Trophy Gewinner, Jay Berwanger, trug. Die Vitrine steht zwischen dem Ausstellungsraum der HBCUs (Historically Black Colleges and Universities) und der interaktiven Radio Kommentatorenkabine. Laut Jeremy Swick, dem Kurator der Hall of Fame, wird diese Vitrine häufig übersehen. Berwanger hätte es wohl nicht anders gewollt. Zur Zeit der ersten Heisman Trophy Verleihung 1935 verkörperte Berwanger die zurückhaltende Art des College Footballs im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert. Berwanger, der den Spitznamen "Ein-Mann-Team" trug, spielte fast auf jeder Position im Football mit Leidenschaft, Technik und vor allem Erfolg – die wahre Definition eines Heisman Gewinners. Selbst die Auszeichnung selbst war bescheiden. Ursprünglich als "Downtown Athletic Club Trophy" bekannt, wurde die Heisman Trophy ab 1935 dem "wertvollsten Footballspieler östlich des Mississippi" verliehen. Am 11. Dezember 1935 bezeichnete die Chicago Tribune sie als "Trophäe, die am Rande eines Mittagessen verliehen wurde".

Sein College Football Team erreichte 1935 eine Bilanz von vier Siegen und vier Niederlagen, darunter zwei Siege und drei Niederlagen in der Big Ten Conference. Ohne Berwanger wären die Chicago Maroons hoffnungslos unterlegen gewesen, da er mehr als einmal als Retter in der Not und "Gamechanger" auftrat. Chicago leistete sich vor allem zu Saisonbeginn am 28. September einen klassischen Fehlstart. Das Spiel sollte eigentlich im November in Nebraska stattfinden, wurde aber vorverlegt. Laut der Chicago Tribune Ausgabe vom 29. September 1935 wurde trotz eines bedeutenderen Ereignisses im Cornhusker State Stadium eine Rekordkulisse von 30.000 Zuschauern erwartet. Etwa eine Stunde nördlich von Lincoln hielt US-Präsident Franklin D. Roosevelt in Fremont seine erste Rede im Präsidentschaftswahlkampf 1936. Es war nicht das erste Mal, dass Berwanger einem US-Präsidenten in die Quere kam. Im Spiel zwischen Chicago und Michigan im Jahr 1934 geriet Berwanger mit dem späteren US-Präsidenten Gerald Ford aneinander. Die Auseinandersetzung hinterließ Spuren. "Als ich Jay im zweiten Viertel tackelte, zog ich mir eine blutige Schnittwunde zu und ich habe die Narbe noch heute als Beweis", erinnerte sich Ford Jahre später. Berwanger ist bis heute der einzige Heisman Trophy Gewinner geblieben, der jemals von einem späteren US-Präsidenten getackelt wurde.

Zurück nach Nebraska im Jahr 1935. Im zweiten Viertel, beim Stand von 0:7 für die Gegner, erzwang die University of Chicago einen Punt Return Fumble und eroberte den Ball an Nebraskas 22 Yard Linie. Robert Kelly von den Oklahoma News beschrieb Berwangers nächsten Zug folgendermaßen: "Berwanger nahm den Ball vom Center und pflügte sich durch die Verteidigung bis zur Goal Line, wobei er die Tackles abschüttelte, während er sich durch die Secondary kämpfte. Anschließend verwandelte er den Extrapunkt." Das war das Ende der Punkteserie der Chicagoer, denn Berwanger warf im letzten Viertel noch zwei Interceptions und Nebraska gewann klar mit 28:7.

Im zweiten Saisonmatch gegen Carroll lief es schon viel besser. Chicago gewann mit 31:0 und Berwangers Highlight war ein 33 Yard Touchdown-Pass im vierten Viertel. Eine Woche später berichtete Harry Grayson von Public Opinion, dass Berwanger in der Saison 1935 nicht nur für Balltragen, Passen, Kicken, Blocken und die Verteidigung zuständig war, sondern auch die Spielzüge des Teams ansagen musste, nachdem Halfback Rainwater Wells geheiratet hatte und nicht mehr zur Schule ging. Für Berwanger war nichts zu viel. Die Associated Press berichtete, dass Berwanger aufgrund des deutlichen Spielstandes im zweiten Saisonmatch gegen Carroll weniger als die Hälfte der Partie bestritt. Sein 33 Yard Touchdown Pass im letzten Viertel krönte Chicagos Leistung.

In einer Vorschau auf das Spiel Chicago gegen Western State beschrieb die "Times" aus Munster, Indiana, das angeschlagene Footballprogramm der Chicagoer vor Berwangers Ankunft: "Vor seiner Ankunft schrieb die Sportabteilung ständig rote Zahlen. Er hat den Sport rentabel gemacht." Berwanger war für Chicago mehr als nur ein Footballspieler; er hielt sie in der Big Ten konkurrenzfähig. Er war der "Löwe von Chicagos Mittelfeld". 24.000 Fans waren beim Spiel gegen Western State dabei und erlebten, wie Berwanger die Hilltoppers in der ersten Halbzeit im Alleingang ausschaltete. Chicagos zweite Mannschaft kam in der zweiten Halbzeit zum Einsatz. Neben Berwangers 29 Yard Lauf nach einem Cutback im ersten Viertel, nutzte er einen geblockten Punt optimal aus. Er sprintete 10 Yards bis zur 2 Yard Linie. Chicago rückte immer näher an die Goal Line heran, bis Berwanger schließlich durch die rechte Guard Position stürmte und sechs Punkte erzielte.

Nach einer Niederlage gegen Purdue lief es auch in der Big Ten für Chicago und Berwanger besser. Wisconsin wurde mit 13:7 am 26. Oktober geschlagen. Dank des Berichts der AP wissen wir es, wie Chicago es mit Hilfe ihres besten Spielers schaffte. Im zweiten Viertel eroberte Chicago einen Fumble der Wisconsin Badgers an deren 2 Yard Linie. "Berwanger brauchte nur einen einzigen Durchbruch durch die Mitte der Badgers-Linie, um den Break in einen Touchdown umzuwandeln." Sein Extrapunktversuch wurde geblockt – ein Vorbote des harten Kampfes, der noch bevorstand. Wisconsin kam mit neuem Elan aus der Halbzeitpause; die Badgers eroberten kurz darauf Berwangers Fumble und erzielten daraus 7 Punkte. Der Spielstand von 7:6 blieb aber nicht lange bestehen. Berwanger trug einen Kickoff über 78 Yards bis zur 22 Yard Linie der Badgers zurück, doch dann folgte ein Ballverlust. Der vielseitige Spieler machte seine Fehler jedoch wieder gut, indem er den Extrapunkt verwandelte. Das turbulente Spiel wurde von William Weekes von der AP treffend zusammengefasst: "Chicago patzte fünfmal, Berwanger war in vier Fällen der Übeltäter und die Badgers eroberten drei dieser Fehler zurück. Von den 19 Pässen der Badgers fingen die Maroons jedoch sechs ab und ließen nur vier Pässe zu."

Spannend verlief auch das sechste Saisonspiel Chicago gegen Ohio State, 9. November, dass Ohio State mit 20:13 für sich entschied. Berwangers Highlights waren 13 Läufe für 130 Yards, durchschnittlich 10 Yards pro Lauf, fünf Pässe für 60 Yards und vor allem ein 85 Yard Touchdown Lauf im dritten Viertel.
Die Buckeyes brachten vor allem einen Rosskastanienbaum mit, der "feierlich in den Scammon Gardens auf dem Midway-Campus gepflanzt wurde", und die 120 köpfige Ohio State Band. Es war OSUs erster Auftritt im Stagg Field seit 1926. Chicago ging mit einer 6:0 Führung in die Halbzeit. Berwanger erhöhte mit einem 85 Yard Touchdown Lauf und dem anschließenden Extrapunkt auf 7:0. Charles Dunkley von AP beschrieb den Spielzug wie folgt: "Der großartige Chicagoer Halfback raste 85 Yards über das Feld, vorbei an der gesamten Buckeye Mannschaft und wich in einem so geschmeidigen Galopp aus, wie man ihn seit dem legendären Red Grange vor 10 Jahren auf dem Stagg Field nicht mehr gesehen hatte." Bis kurz vor Ende des dritten Viertels dominierten die Maroons, als die Buckeyes einen Touchdown zum 13:6 erzielten. Die Offensive von Ohio State legte sich jedoch ins Zeug und glich schnell zum 13:13 aus. Berwanger versuchte, die Buckeyes in ihrem letzten Scoring-Drive mit einem Tackle gegen Jumping Joe Williams zu stoppen, doch Williams "brach dann durch die linke Tackle-Position und erzielte Ohios dritten und letzten Touchdown." Laut Dunkley trotzten die 15.000 Zuschauer dem Nieselregen und dem eisigen Wind, um das Spiel mitzuerleben, in dem Berwanger die Buckeyes beinahe besiegt hätte. Ohio State baute seine Siegesserie im direkten Vergleich auf elf Spiele aus. Chicago musste sich am 16. November auch Indiana beugen. Durch einen Bericht der Chicago Tribune vom 16. November erfuhren die Leser, dass sich Berwanger im Spiel gegen Ohio State verletzt hatte und sein Einsatz in seinem letzten Heimspiel fraglich war. Die Erwartungen stiegen noch, nachdem die UP am Vortag einen Artikel veröffentlicht hatte, in dem Berwanger als der größte Spieler aller Zeiten bezeichnet wurde. "Fragen Sie einen beliebigen Trainer der Big Ten Conference nach dem besten Allround-Running Back des Landes in diesem Jahr und er wird Ihnen den Namen Jay Berwanger nennen." Clark Shaughnessy, der ruhige, stets lächelnde Head Coach, der Berwanger drei Jahre lang an der University of Chicago betreut hat, ging sogar noch weiter: "Jay ist der beste Allround Running Back, den ich je gesehen habe, egal wo und wann", sagte Shaughnessy ohne zu zögern. "Da musste man den hohen Erwartungen gerecht werden. Vor 15.000 Zuschauern bei seinem letzten Spiel im Stagg Field warf Berwanger eine Interception, die im zweiten Viertel zu einem Touchdown für Indiana führte. "Er spielte die meiste Zeit, aber der Versuch, sein letztes Heimspiel seiner College Karriere zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen, war einfach nur ein missglückter Schwanengesang", erinnerte sich Irving Vaughan von der Chicago Tribune in seinem Spielbericht. Die Hoosiers erzielten 350 Yards Raumgewinn gegenüber 148 Yards der Maroons. Berwangers Verletzungen beschränkten ihn auf nur 10 Läufe für 24 Yards und vier komplette Pässe für 30 Yards. Die einzige Aufholjagd der Chicagoer an diesem Tag beinhaltete einen 16 Yard Lauf von Berwanger, doch ein Ballverlust beendete den Drive.

Immerhin sollte Berwanger den Saisonabschluss und das achte Saisonspiel gegen Illinois am 23. November versöhnlich beenden und er erfuhr, dass er einstimmig in das All Conference Team gewählt worden und der "einzige Spieler war, der von den Trainern einstimmig in die erste Mannschaft berufen wurde". Gleich zu Beginn des Spiels, vor 12.000 frierenden Zuschauern, bestätigte Berwanger die ihm entgegengebrachten Lobeshymnen. Er trug einen Punt über 55 Yards bis zur 1 Yard Linie von Illinois zurück und überquerte im folgenden dritten Versuch die Goal Line für seinen letzten Touchdown seiner Footballkarriere. Sein Extrapunkt, die spielentscheidende Aktion, war gut und untermauerte seinen Spitznamen "One-Man Team" sowie seinen anschließenden Titel als erster Heisman Trophy Gewinner. Insgesamt lief Berwanger 26 Mal für 106 Yards und erzielte 39 Yards durch Returns. Punts. "Berwanger musste während seiner Galoppkarriere bei den Maroons nur 33 Yards zurücklegen, um eine Meile zu schaffen, aber er hat viel mehr geleistet." Heute war er nicht nur das letzte Wort, sondern auch der letzte Nachhall, als er sich nach einer der glanzvollsten Karrieren eines Maroon-Spielers aller Zeiten verabschiedete", berichtete der Springfield Leader and Press. So beschrieb Charles Dunkley von der AP Berwangers letzte Momente: "Als der Schlusspfiff ertönte, hoben ihn seine stolzen Teamkameraden auf ihre Schultern und trugen ihn triumphierend vom Feld", jenes "Red Grange, das vor zehn Jahren erstmals Berühmtheit erlangte". Nächster Halt: New York City, zur ersten Verleihung der Heisman Trophy.
Jay Berwanger, der legendäre Footballspieler der University of Chicago, war der erste Empfänger der "Downtown Athletic Club Trophy", die später in Heisman Memorial Trophy umbenannt wurde.

Berwanger wurde 1914 in Dubuque, Iowa, geboren und glänzte neben Football auch im Ringen und in der Leichtathletik. An der Dubuque High School erlangte er als herausragender Halfback mit deutschen Vorfahren, landesweite Berühmtheit. Nach seinem Schulabschluss warben die Universitäten von Iowa, Michigan, Minnesota und Purdue um ihn, doch er entschied sich für Chicago, das ihm lediglich ein einfaches Stipendium von 300 Dollar pro Jahr anbot.

Berwanger war auch der erste Spieler, der bei der ersten Draft der National Football League im Jahr 1936 ausgewählt wurde. Nachdem die Philadelphia Eagles ihn unter Vertrag genommen hatten, sicherte sich Trainer George Halas von den Chicago Bears die Rechte an ihm. Als Berwanger jedoch 25.000 Dollar für zwei Jahre forderte, entschied Halas, dass dies zu viel sei, woraufhin Berwanger eine Stelle als Verkäufer von Schaumgummi annahm. In seiner Freizeit schrieb Berwanger eine Sportkolumne für die Chicago Daily News, leitete College Football Spiele und trainierte von 1936 bis 1939 Football an der Universität von Chicago. Berwanger hatte eine kleine Rolle, als er sich selbst in dem Footballfilm "The Big Game" von 1936 spielte. Während des Zweiten Weltkriegs absolvierte Berwanger die Flugausbildung bei der Marine und wurde Marineoffizier. Nach dem Krieg gründete Berwanger in Downers Grove, Illinois, die Firma Jay Berwanger, Inc., einen Hersteller von Kunststoff- und Schwammgummileisten für Autotüren, Kofferräume und Landmaschinen. 1954 wurde Berwanger in die College Football Hall of Fame aufgenommen. 1989 wurde er in das All America Team von Sports Illustrated zum 25-jährigen Jubiläum gewählt, das Spieler ehrte, deren Leistungen über das Footballfeld hinausgingen. Er starb am 26. Juni 2002.

Schlüter - 01.02.2026

Jay Berwanger 1935, während der Heisman Trophy Verleihung.

Jay Berwanger 1935, während der Heisman Trophy Verleihung. (© Heisman Trust)

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