Die Jacksonville Jaguars bleiben ein Rätsel – aber eines, das mittlerweile Siege liefert. Beim 27:24 nach Overtime in Arizona zeigte das Team von Head Coach Liam Coen erneut sein zweiseitiges Gesicht: phasenweise dominant, dann wieder fehleranfällig, defensiv wechselhaft und offensiv inkonstant. Doch am Ende stand ein hart erkämpfter Auswärtserfolg, der die Jaguars auf 7:4 bringt und den Rückstand auf AFC-South-Leader Indianapolis auf ein Spiel verkürzt.
Es war ein Nachmittag voller Brüche, Wendungen und Nervenproben – ein Spiel, das die Jaguars in der vergangenen Saison wohl verloren hätten. Doch 2025 scheinen sie gelernt zu haben, enge Spiele zu überleben.
Lawrence zwischen Genie und Risiko – drei Touchdowns, vier Turnovers
Trevor Lawrence war die prägende Figur dieser Begegnung, im Guten wie im Schlechten. Zwar warf er drei Touchdown-Pässe und führte die Jaguars in entscheidenden Momenten über das Feld, zugleich war er für vier Turnovers verantwortlich - drei Interceptions und einen Fumble, die normalerweise ein Team den Sieg kosten.
Dabei hatte das Spiel für Jacksonville verheißungsvoll begonnen. Nach einer frühen Goal-Line-Defense-Arbeit der Cardinals, die Lawrence zu einem langen Feld zwang, zerlegte der Quarterback die Gastgeber mit einem vier Spielzüge langen 97-Yard-Drive. Ein 30-Yard-Pass auf Tight End Brenton Strange und ein 45-Yard-Run von Travis Etienne bereiteten vor, ehe Etienne selbst per 15-Yard-Screen-Pass die Endzone fand (7:0).
Doch die Sicherheit hielt nicht lange. Ein Blitz von Safety Jalen Thompson erwischte Lawrence frontal, Walter Nolen III nahm das freie Ei auf und trug es sieben Yards zurück zum Ausgleich (7:7). Es war der erste von mehreren Momenten, in denen die Offensive Line der Jaguars Lawrence im Stich ließ.
Rekord Kicker Little brachte Jacksonville mit einem 52-Yard-Kick zwar erneut in Front (10:7), doch Zonovan Knight antwortete für Arizona mit einem wuchtigen 1-Yard-Touchdown zur 14:10-Halbzeitführung der Gastgeber.
Fehler über Fehler – doch die Jaguars bleiben dran
Die Jaguars kamen entschlossen aus der Kabine, Washington returnierte einen Punt 43 Yards tief in Cardinals-Territorium und bereitete einen 10-Yard-Touchdown-Pass von Lawrence zu Jakobi Meyers vor (17:14). Doch die Chance, sich abzusetzen, vergaben die Gäste, als Garrett Williams einen Lawrence-Pass in der Endzone abfing – ein Momentum-Killer, der sich rächen sollte.
Arizonas Offense spielte lange ineffizient, fand aber im dritten Abschnitt kurz Schwung: Nach Bakers Interception aus kurzer Distanz schlug Jacoby Brissett sofort zu. Drei Spielzüge genügten, um Greg Dortch per 39-Yard-Touchdown tief hinter der Secondary zu bedienen. 21:17 Cardinals – und das Match kippte erneut.
Lawrence aber ließ sich – trotz Krankheit, wie das Team vor dem Spiel mitgeteilt hatte – nicht entmutigen. Mitte des Schlussviertels führte er einen ruhigen, Drive an, den Etienne und Rookie Bhayshul Tuten am Boden entscheidend prägten. Tuten vollendete schließlich aus einem Yard zur 20:16-Führung.
Doch erneut hielt das Polster nicht lange. Brissett fand einen freien Receiver für einen 15-Yard-Touchdown, Arizona führte wieder: 23:20 bei knapp zehn Minuten Restspielzeit – in einem Match, das inzwischen jedes Muster verloren hatte und sich zu einem Schlagabtausch entwickelte.
Washington bringt die Führung – Ryland rettet Arizona
Die Jaguars antworteten noch einmal. Lawrence nahm nach Bakers dritter Interception dieses Nachmittags keine Risiken mehr und bediente kurz und sicher. Den finalen Schlag setzte er 3:47 vor Schluss: ein präziser 9-Yard-Pass auf Parker Washington, der mit einer geschickten Richtungsänderung die Endzone erreichte – 24:21 Jaguars.
Die Defense schaffte anschließend einen Stopp, doch ein schwacher Punt brachte Arizona nochmals in die Nähe der Mittellinie. Brissett fand Wilson und Jeanty, und am Ende stand ein kurzer 29-Yard-Kick von Ryland, der aus drei Sekunden Distanz die Overtime erzwang.
Overtime: Little trifft – Wingard entscheidet
Die Verlängerung begann mit einem langen Drive der Jaguars bis zur Cardinals-36, wo Cam Little seinen zweiten 52-Yard-Field-Goal des Abends versenkte – 27:24. Ein Kick, der sinnbildlich war für Littles Comeback, nachdem er an den vergangenen beiden Spieltagen je einen 50-Yarder vergeben hatte.
Arizona erhielt dennoch die Chance zum Kontern, und Brissett führte sein Team bis zur Jaguars-42. Beim spielentscheidenden 4th-and-4 setzte der Quarterback auf einen tiefen Pass in Richtung Xavier Weaver – doch Safety Andrew Wingard sprang rechtzeitig dazwischen und beendete die Partie.
Defense entdeckt den Pass Rush – Hines-Allen schreibt Geschichte
Eine weitere Auffälligkeit: Die Jaguars-Defense, bisher eine der ineffektivsten im Pass Rush, erwachte plötzlich. Sechs Sacks standen am Ende auf dem Statistikbogen – so viele wie in mehreren Spielen zuvor zusammen.
Neuzugang Dennis Gardeck und Devin Lloyd glänzten mit jeweils 1,5 Sacks. DaVon Hamilton, Antonio Johnson und Josh Hines-Allen steuerten weitere bei. Letzterer sorgte dabei für einen historischen Moment: Mit Sack Nummer 55 zog er mit Klublegende Tony Brackens als Franchise-Rekordhalter gleich.
Fazit: Kein schönes Spiel – aber ein wichtiger Sieg
Jacksonville bleibt 2025 paradox: fehlerbehaftet, gelegentlich chaotisch, aber mental deutlich stabiler als im Vorjahr. Während 2024 solche knappen Spiele fast durchgehend verloren gingen, stehen die Jaguars nun bei 5–3 in One-Score-Games und 2–0 in Overtime-Duellen auf fremdem Platz.
Durch die gleichzeitige Niederlage der Colts, sind sie bis auf ein Spiel an den Tabellenführer herangerückt.
Jan Sawicki - 25.11.2025

Cam Little trifft in der Overtime entscheidend. (© Getty Images)
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