Fußball, Football: Wo gibt es mehr Verletzungen?

Teddy Bridgewater überstand eine langwierige Knieverletzung nur mit Mühe und konnte sein volles Potenzial in der NFL wohl nie entfalten.Europameisterschaft und Copa America im Fußball sind vorbei, bald starten weltweit die bedeutendsten Sport-Profi-Ligen in ihre nächste turnusgemäße Saison für Clubmannschaften. Darunter natürlich die NFL als die - nach wie vor - umsatzstärkste, wertvollste und insgesamt global beliebteste aller Ligen. Ein wenig hinkt der Vergleich der Profi-Footballer mit dem Rest der Welt - es gibt eben nur sie und ihre 32 Teams, keinen Profi-Unterbau von zweiten, dritten und tieferen Ligen wie in jedem Land mit Spitzenfußball. Die knapp 20 Milliarden Dollar Umsatz der NFL sind so deutlich mehr als die geschätzt 6,5 Milliarden Euro der englischen Premier League. Einiges mehr wäre es, würde man sämtliche englischen Profi-Fußball-Teams aus den Ligen darunter mit einrechnen.

Die größere weltweite Verbreitung reklamieren die jeweiligen Ligaführungen mit unterschiedlichen Argumenten für sich. Die NFL darf auf den Umsatz, den Wert ihrer Franchises und auf beachtliche TV-Quoten in den USA und beim Super Bowl auch global verweisen. Die FIFA blickt für den Fußball auf ihre Weltmeisterschaften und die kontinentalen Championships, die weltweit ebenso wie kontinentale Clubwettbewerbe zusätzlich zu nationalen Ligen tatsächliche Internationalisierung bedeuten, die die NFL mit ihren einzelnen Spielen außerhalb der USA nur punktuell erreicht.

Ein wesentlicher Unterschied sind die weltweiten Zahlen an Aktiven, vor allem wenn der Amateurbereich noch hinzugenommen wird. Die NFL hat inzwischen umgedacht und setzt auch auf die Förderung von Flag Football, zumal dies 2028 zumindest einmal olympisch sein wird. Eine Verbreitung in ähnlichen Maßstäben wie beim Fußball ist utopisch, aber ein anderer Ansatz bleibt kaum. Immerhin wird so auch eines der Hauptvorurteile gegenüber American Football in der Welt adressiert: dass der Sport besonders verletzungsintensiv ist.

Wie verletzungsgefährdet sind Profi-Footballer?

Was ist dran am Eindruck, den der allgemein interessierte und unbefangene Sport-Fan hat, dass American Football gefährlicher als Fußball ist? Ganz von der Hand zu weisen ist dies nicht. Während der 18 Wochen NFL-Saison (plus Playoffs) fällt ein durchschnittlicher Profi wegen Verletzungen ein bis zwei Mal aus, was sich im Mittel zu drei oder vier verpassten Partien summiert. Dies sind dann gut 20 Prozent an Ausfallzeiten und damit mehr als beim durchschnittlichen Profi-Fußballer.

Denn der fällt zwar ebenfalls ein bis zwei Mal pro Saison aus. Studien schätzen, dass ein Profi-Fußballer durchschnittlich etwa 30 bis 50 Tage pro Saison aufgrund von Verletzungen ausfällt. Im Fußball sind dies aber nur 10 bis 15 Prozent der Saison, die etwa 300 Tage und auf internationalem Spitzenniveau bis zu 350 Tage pro Jahr lang ist. Etwa jede dritte der Verletzungen beim Fußball führt zu einem Ausfall von vier Wochen oder mehr - mehr oder weniger vergleichbar zum NFL-Football, nur dass dort "mehr als vier Wochen" eben fast gleichbedeutend ist für "die Hälfte der Saison".

Dies hat Folgen auch für die Dauer der Karriere der Spieler. Auch hier hinken Vergleiche ein wenig, weil die Strukturen zu unterschiedlich sind. Ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es eben nicht. Die durchschnittliche Profi-Karriere eines Footballers dauert etwa 3,3 Jahre - der durchschnittliche Profifußballer bringt es auf etwa acht bis zwölf Jahre. Wohlgemerkt im Durchschnitt, da sind bei den Footballern Kicker inbegriffen, für die zehn, 15 oder noch mehr Jahre in der NFL keine Seltenheit sind. Aber eben auch ein Heer von Spielern, die nach weniger als einem Jahr - durchaus auch wegen einer schweren Verletzung zum unpassenden Moment - schon wieder aussortiert werden.

Fußballer haben die längeren Laufbahnen

Die meisten Profifußballer beginnen ihre bezahlte Karriere im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren und spielen bis zu einem Alter von etwa 30 bis 35 Jahren. Wie gesagt: Nur schwer vergleichbar mit der Situation für NFL-Profis. Die haben in der Regel vor der Profi-Laufbahn drei bis vier Jahre (unbezahlt und auch da schon mit ähnlichem Verletzungsrisiko) College Football gespielt. Und nach ihrem Ausscheiden aus der NFL bleibt ihnen im Vergleich zum Fußballer im gleichen Alter in der Regel keine Alternative mehr.

Die kanadische Profi-Liga CFL mit nur neun Teams, etwas anderen Regeln und deutlich geringeren Gagen ist nur für wenige ein Ziel. Die etwas wild (des-)organisierten Frühjahrs- oder Hallen-Ligen in den USA oder europäische Formate sind nach den dort gezahlten (oder auch mal schuldig gebliebenen) Geldern im Vergleich selbst zu unteren Fußballligen und erst recht zur NFL objektiv nicht wirklich als Profi-Ligen zu bezeichnen. Es liegt also nicht nur an der unterschiedlichen Häufigkeit und Schwere an Verletzungen, dass Profi-Fußballer jenseits ihres 26. oder 27. Geburtstags, zu denen ihre NFL-Kollegen im Schnitt aus dem bezahlten Sport ausscheiden, noch viele recht gut bezahlte Jahre vor sich haben. Wenigen Top-Stars eröffnen sich Chancen aufs ganz große Geld aktuell in Saudi-Arabien. Aber viel wesentlicher für die breite Masse ist die Chance, wenn es denn in Premier League, La Liga oder Bundesliga nicht (mehr) für einen Vertrag reicht, die sich in unzähligen anderen nationalen Ligen oder den unteren Klassen in den großen Fußball-Nationen auftun.

Was die Art der Verletzungen angeht, gibt es Unterschiede zwischen den Sportarten. Beim Fußball sind die häufigste Kategorie Muskelverletzungen: Besonders häufig sind Zerrungen und Muskelrisse in den Oberschenkelmuskeln wie den Hamstrings (Beinbeuger) und Quadrizeps (Beinstrecker). Diese Verletzungen entstehen oft durch plötzliche, explosive Bewegungen, beim Fußball also beim Sprinten oder Schießen des Balles. Zerrungen in diesem Bereich sind auch beim American Football relativ häufig, doch drei andere Kategorien von Verletzungen treten öfter auf.

Reizthema Gehirnerschütterungen

Allen voran die Gehirnerschütterungen, die es trotz aller auch im Fußball inzwischen plakativ eingeführten Vorsichtsmaßnahmen und präventiven Spielunterbrechungen dort kaum gibt. Im Football sind diese sehr häufig aufgrund der physischen Natur des Spiels und können je nach Schwere zu Ausfallzeiten von Wochen bis hin zu einem vorzeitigen Karriereende führen. In NFL, College Football und anderswo im American Football ist dies in den letzten Jahrzehnten ein immer wichtigeres Thema geworden, mit entsprechenden Auswirkungen in der Verletzungsprävention. Ob diese wie gewünscht wirken, wird man erst in der Zukunft beurteilen können, schließlich geht es vor allem um die Vermeidung von Spätfolgen.

Dass Gehirnerschütterungen die Liste der dokumentierten Ursachen für Ausfallzeiten bei Profis anführen, kann allerdings auch genau eben an jenen Präventionsmaßnahmen liegen - nicht vollständig abgeklärte Verdachtsfälle führen schließlich zum sofortigen Ausfall des Spielers, gegebenenfalls auch für weitere Wochen. Insofern sind Gehirnerschütterungen im NFL-Football heute ziemlich lückenlos dokumentiert.

Ob Fußball oder American Football - ähnlich häufig sind in beiden Disziplinen Knieverletzungen. Bei den Footballern sind diese die zweithäufigste Gruppe von Verletzungen vor den Sprunggelenkverletzungen, bei den Fußballern kommen sie nach Muskel- und Knöchelverletzungen an dritter Stelle.

Die Knie machen häufig Ärger

Die Inzidenzrate von Knieverletzungen im Fußball liegt zwischen 0,5 bis 1,5 pro 1.000 Spielstunden, abhängig von der Studie und der Methodik. In der NFL liegt die Inzidenzrate für Knieverletzungen bei etwa 0,5 bis 1,0 pro 1000 Athleten-Spieltage. Kreuzbandrisse (ACL-Rupturen) sind eine der schwersten Verletzungen, die oft eine Operation und monatelange Rehabilitation erfordern. Spieler, die einen Kreuzbandriss erleiden, fallen im Durchschnitt für sechs bis neun Monate aus. Meniskusrisse betreffen die Menisken im Knie und können ebenfalls eine Operation notwendig machen, gefolgt von Wochen bis Monaten der Erholung.

Bei den Fußballern gibt es Unterschiede, die höhere Intensität und Belastung der Spitzenspieler, die auch international spielen, erhöhen deren Verletzungsrisiko. Dafür spielen sie eher selten auf Kunstrasen, was wiederum für Footballer eher die Regel ist. Kunstrasenplätze haben ein anderes Verletzungsprofil als Naturrasenplätze, wobei es Hinweise darauf gibt, dass auf Kunstrasen ein höheres Risiko für bestimmte Knieverletzungen besteht. Der ständige Wechsel von einem zum anderen Untergrund zum Beispiel im Takt von Heim- und Auswärtsspielen hilft den Spielern sicherlich nicht.

Bridgewater, Hargreaves und andere - Laufbahnen vorschnell beendet

Eine Untersuchung der Verletzungen in den europäischen Top-Ligen wie Premier League, La Liga oder Bundesliga hat gezeigt, dass etwa zehn bis 15 Prozent aller Verletzungen, die zu einem Ausfall von mehr als drei Wochen führen, Knieverletzungen sind. Knieverletzungen machen auch in der NFL einen signifikanten Teil der Verletzungen aus, die zu solch längeren Ausfällen führen. Ein Beispiel der jüngeren NFL-Geschichte war Teddy Bridgewater. Der damalige Quarterback der Minnesota Vikings erlitt 2016 kurz vor Saisonstart im Training eine schwere Knieverletzung (ACL-Ruptur und andere Schäden), die ihn fast zwei Jahre außer Gefecht setzte.

Erst gegen Ende der Saison 2017 kehrte Bridgewater aufs Feld zurück. Die Entlassung des einstigen Hoffnungsträgers seitens der Vikings war da schon beschlossene Sache. Immerhin kam er später noch bei sieben Teams zu weiteren Engagements, ehe er Anfang 2024 seine Laufbahn im Alter von 31 Jahren schließlich beendete.

In ähnlichem oder jüngerem Alter waren einige prominente Fußballer, als Knieverletzungen ihrer Laufbahn ein Ende setzten. Owen Hargreaves, ein talentierter Mittelfeldspieler, der für Bayern München, Manchester United und Manchester City spielte, litt unter chronischen Knieproblemen und Achillessehnenverletzungen, was ihn dazu zwang, 2012 im Alter von 31 Jahren seine Karriere zu beenden. Der deutsche Mittelfeldspieler Sebastian Deisler, der als eines der größten Talente seiner Generation galt, kämpfte mit wiederkehrenden Knieverletzungen und dazu mit psychischen Problemen und beendete seine Karriere 2007 im Alter von nur 27 Jahren. Schlimm hatte es auch Ronaldo Nazario, den brasilianischen Stürmer, besser bekannt nur als "Ronaldo", erwischt. Er erlitt zwei schwere Knieverletzungen während seiner Zeit bei Inter Mailand und fiel insgesamt fast drei Jahre aus. Ronaldo schaffte jedoch ein bemerkenswertes Comeback und gewann mit Brasilien die FIFA-Weltmeisterschaft 2002 im Finale gegen Deutschland.

Auerbach - 20.07.2024

Teddy Bridgewater überstand eine langwierige Knieverletzung nur mit Mühe und konnte sein volles Potenzial in der NFL wohl nie entfalten.

Teddy Bridgewater überstand eine langwierige Knieverletzung nur mit Mühe und konnte sein volles Potenzial in der NFL wohl nie entfalten. (© Getty Images)

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