Belichick coacht Bayern München

Bill Belichick kommt nach München.Die in den letzten Wochen fast schon verzweifelt wirkende Suche des FC Bayern München nach einem neuen Trainer hat ein glückliches Ende: Neuer Cheftrainer des deutschen Fußball-Rekordmeisters wird ab dem Sommer Bill Belichick. Der 71-Jährige coachte bis vergangenen Winter in der NFL die New England Patriots und hatte in mehr als zwei überwiegend sehr erfolgreichen Jahrzehnten mit diesen sechsmal den Super Bowl gewonnen. Seine Suche nach einem neuen Arbeitgeber in der NFL erwies sich nach dem Abgang aus Foxborough jedoch als schwierig.

Zu gerne würde Belichick, der in der NFL als Head Coach bislang auf 302 Siege kam und diesen Monat seinen 72. Geburtstag feiern wird, noch die fehlenden 26 Erfolge einfahren, die ihm in der ewigen Rangliste der NFL-Coaches gegenüber Spitzenreiter Don Shula fehlen. Mindestens zwei Spielzeiten - vorausgesetzt eines der Top-Teams hätte ihn verpflichtet -, müsste er dazu in den Staaten coachen, realistischerweise eher drei. Eine "goldene Brücke" baute ihm die Liga nun im Rahmen der Kooperation der NFL sowie der New England Patriots mit dem Deutschen Fußball-Bund.

Während des Trainings der deutschen Nationalmannschaft auf den Patriots-Anlagen anlässlich ihrer USA-Reise im Herbst verhandelten im Hintergrund Vertreter der Liga und des DFB unter Mitarbeit der Spielerorganisation NFLPA über ein Austauschprogramm für Coaches. Unter anderem beinhaltet es die vorbehaltlose gegenseitige Anerkennung sämtlicher gegebenenfalls notwendiger Qualifikationen wie Trainerlizenzen etc. Auch die Zählung von Trainersiegen für die offiziellen Statistiken wurde harmonisiert (ein Punkt, dem die deutschen Verhandler schnell zustimmten und sich darüber wunderten, wie wichtig solche Statistiken den US-Amerikanern waren).

Damit war der Weg frei für Belichick, auch außerhalb der USA die Chancen auszuloten, seine bekannt akribischen Methoden der strategischen und taktischen Vorbereitung seiner Mannschaften in einem neuen Arbeitsumfeld anzuwenden. "Was viele nicht sehen, ist doch, dass 80, 90 Prozent der Aufgaben eines Cheftrainers gar nicht so viel mit der gerade ausgeübten Sportart zu tun haben", verkündete Belichick in seiner markant-knorrigen Art nun vor US-Journalisten, die dies durchaus auch als Seitenhieb auf ihre Berichterstattung zu ihm, den Patriots in ihrer erfolgreichen und nicht so erfolgreichen Zeit, zu den Vorgängen um "Spygate", "Deflategate" etc. verstehen durften. "Müsst ihr halt nun halb um die Welt fliegen, um weiter an meinen Methoden herumzukritteln", fügte er ironisch lächelnd hinzu und beendete seinen nur kurzen Auftritt vorzeitig.

Zuvor hatte er allerdings zugegeben: "Natürlich ist es ein Glücksfall, dass ausgerechnet dieser Posten neu zu besetzen war. Ich weiß, dass man beim FC Bayern München seit Jahrzehnten gern bei der Trainerauswahl mal neue, kreative Wege geht. Selbstverständlich ist unsere Zusammenarbeit in gewisser Art auch ein Experiment." Man wisse, dass nach einem Jahr der Probe auch die Erkenntnis stehen können, dass es eben doch nicht passe. "Aber das Ziel ist ganz klar: Diese 26 Siege will ich sofort in meiner ersten Saison in der deutschen Bundesliga holen. Bei 34 Spielen plus Pokalwettbewerben und mit dem exquisiten Spielerkader muss dies das Minimalziel sein."

Zweifel an seiner Eignung, sich auf Anhieb auch im Haifischbecken des europäischen Spitzenfußballs zu behaupten, zerstreute er selbstbewusst. "Schlimmer als in der NFL kann es nicht sein, und ich verfolge die Entwicklungen in Europa seit Jahrzehnten sehr intensiv. Da gibt es einiges, was man voneinander lernen kann. Wer hat denn unsere Super Bowls gewonnen? Ich sage es ihnen: Ohne Adam Vinatieri oder Stephen Gostkowski, denen ich nahe gelegt hatte, sich sämtliche Champions-League-Partien wieder und wieder anzuschauen, wäre da gar nichts gegangen!"

Für die speziellen athletischen Anforderungen der verschiedenen Spielertypen und auf diese zugeschnittene Trainingsmethoden verfüge ein Head Coach schließlich ohnehin hüben wie drüben über ein Heer von Assistenten. "Mein Schwerpunkt wird auch bei Bayern München der strategische und taktische Ansatz sein - da gibt es einiges, was man sich im Fußball vom American Football noch mehr abschauen könnte als bisher. Und das wird ganz sicher für uns zu einem erfolgreichen Jahr führen."

Auf die Bitte, dieses Prinzip näher zu erläutern, wurde es allerdings etwas nebulös. Belichick wich zunächst wortkarg aus ("Lassen sie mich mal so sagen, es muss auch bei den Europäern sowas wie ‘Spygate" geben, deswegen will ich da nicht öffentlich drüber reden und kann nicht ins Detail gehen") - auf beharrliches Drängen eines NFL Insiders ließ er sich schließlich doch dazu überreden, ein Beispiel zu geben. Da eine seiner Ideen bereits von anderen angewandt und damit "verbrannt" worden wäre, gab er zu dieser zumindest Andeutungen.

"Als die deutsche Nationalmannschaft im Herbst in Foxborough zu Gast war, plauderte ich mit Julian Nagelsmann unter anderem über die Ecken-Taktik der Engländer bei der WM 2018. Das war doch eins zu eins aus dem Football übernommen - alle Angreifer mit festen Positionen, die Defense im Ungewissen. Und dann die Tore von Harry Kane, mit dem ich in München so einiges vorhabe. Mit Ansage!" Dutzende von solchen Plays habe er seither für Fußball-Zwecke zu Hause konzipiert und sie hinter geschützten Hecken auf dem Rasen hinter seinem Haus mit Hunden bereits erfolgreich simuliert.

"Und damals bat ich ihn auch um seine Meinung dazu, ob nicht eines meiner Plays aus einer bisher nie für so etwas genutzten Standardsituation wie dem Anstoß geeignet wäre, um gleich zu Beginn einer Partie mit einem Big Play die frühe Kontrolle über den Gegner zu erlangen. Ich weiß noch nicht wie, aber irgendwie müssen uns da Österreicher abgehört haben. Die Deutschen wollten sich das ja eigentlich für ihre Heim-EM - für die ich mir schon einen Hubschrauber habe mieten lassen, denn ich will so gut wie alle Spiele beobachten - aufsparen. Aber nachdem die Österreicher das Ding mit ihrem Sieben-Sekunden-Tor durchzogen, hat man es gegen Frankreich eben doch selbst gleich live probiert und auch in acht Sekunden geschafft. Da geht noch mehr - in die Richtung werden wir das weiter revolutionieren. Gerade in den Heimspielen in München will ich dahin kommen, dass wir deutlich mehr und längere Spielunterbrechungen hinbekommen, um solche Standards zu erzwingen und daraus Kapital zu schlagen."

In der Chefetage des FC Bayern soll es zunächst Sorgen gegeben haben, diese neue Art von Fußball mit mehr Pausen könne das Stammpublikum zu Beginn eher verstören. Andererseits gestaltete sich die Trainersuche auf konventionellem Wege eben doch sehr zäh, und am Ende müsse sich alles dem Ziel unterordnen, wieder zurück in die Erfolgsspur und an die Spitze kommen zu können. Und das Mehr an Spielpausen könne zudem - ganz wie in den USA - den Umsatz beim Catering im Stadion und vor den Fernsehern steigern. In Deutschland und speziell Bayern beträfe dies unter anderem besonders Bratwürste, was nach anfänglicher Zurückhaltung gerade Uli Hoeneß zu einem Befürworter des ungewöhnlichen Trainer-Experiments gemacht haben soll.

April, April - 01.04.2024

Bill Belichick kommt nach München.

Bill Belichick kommt nach München. (© Getty Images)

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