"Grant P. US Marine" steht auf dem Namensschild. Sechs Stunden sind seit der Partie Navy gegen Notre Dame vergangen. Er befindet sich in einer der letzten Straßenbahnen, die die Innenstadt verlassen. Die Schuhe sind poliert, Streifen oder Sterne kann der junge Mann nicht vorweisen, am Kragen blitzen zwei Anker. Seine Pupillen wandern bei jedem Versuch geradeaus zu blicken, allerdings wie an der Lotschnur gezogen nach unten. So gelingt es ihm nicht die junge Frau mit den viel zu blonden Haaren und viel zu stark geschminkten Augen zu fixieren, die neben ihm steht und ihm – ginge es hier nach Vorurteilen hinsichtlich der Optik – viel zu intelligente Fragen stellt. Warum er zur Navy gegangen ist? Wie lange er sich verpflichtet hat? Was er später als Zivilist machen will? Antworten kann er nur auf die Frage, wo er herkomme: "Aus Amerika natürlich!" Das sei ihr klar, woher genau? "Aus Nebraska, wundervolle Leute da! Du solltest unbedingt einmal vorbeikommen..."
Nun ist der "Cornhusker State" eher als Einöde verschrien, denn für seine Gastfreundschaft bekannt. Doch auch die Iren galten im Vorfeld dieses Wochenendes nicht unbedingt als ein weltoffenes Völkchen. Als Kostprobe mag ein Dialog aus der vor kurzem erschienenen Komödie "The Guard" über einen irischen Provinzpolizisten dienen:
"Sie entschuldigen sich jetzt sofort für diesen rassistischen Kommentar!"
"Ich bin Ire! Das ist Teil meiner Kultur."
Jetzt sind für ein Wochenende also geschätzte 35.000 Amerikaner in Dublin angereist. Und ohne an dieser Stelle auf weitere Vorurteile hinsichtlich des Auftretens und der Lautstärke eingehen zu wollen, ist es schwer die Vokabeln "einmarschieren" und "Invasion" zu vermeiden. Am Flughafen ist jeder zweite Reisende mit Fandevotionalien der beiden Teams ausgestattet und ein Großteil der anderen Hälfte trägt Kleidersäcke mit Uniformen über dem Arm. Diese Menschen, die hier sind um "ihr" Spiel zu sehen, kommen in ein Land, das jahrhundertelang für die Unabhängigkeit kämpfte und das auch in der jüngeren Geschichte, Stichwort "IRA", mit diesem Thema zu kämpfen hatte.
Abseits der knapp 80 Millionen Euro, die dieses Spiel der irischen Wirtschaft angeblich bringen soll, scheint also einiges Potenzial für Verständigungsschwierigkeiten und wie auch immer geartete Konflikte gegeben. Dafür braucht man nicht einmal so weit auszuholen und die Idee der Missionierung durch Football heranzuziehen, die zu Zeiten des Kalten Krieges einst von Coaches/Predigern in Personalunion in den Raum geworfen wurde. Scott Strasemeier, Pressesprecher auf Seiten Navys, war schon 1996 im Amt, als die Begegnung im halbleeren Croke Park im Dubliner Norden stattfand. Damals fragte ihn ein Taxifahrer, ob der Gewinner des Spiels in den Super Bowl einziehen würde? College Football im Tal der Ahnungslosen. Ignoranz auf der einen, Überheblichkeit auf der anderen Seite?
Keine dieser Befürchtungen ist am Ende wahr geworden. Für alle Beteiligten auf allen Seiten steht letztlich ein tolles Erlebnis, an das man sich gerne zurückerinnern wird. Die Gründe dafür sind vielfältig. Auf Seiten der amerikanischen Touristen ist vor allem eine perfekte Organisation zu erwähnen. 50.000 Arbeitsstunden investierte der Reiseveranstalter Anthony Travel, der für die Vergabe von 25.000 Karten und den damit verbundenen Reisen zuständig war. So kam ein Großteil der Besucher bestens vorbereitet in die Stadt.
Während also die Touristenziele auch deshalb hoffnungslos überlaufen waren, blieb das öffentliche Leben weitestgehend ungestört. Und verirrte sich doch einmal ein Amerikaner, wurde ihm bereitwillig geholfen. Thomas und Jessica etwa, die auf den ersten Blick dem gängigen Vorurteil des adipösen Südstaatlers entsprechen, hatten ihre Reise selbst organisiert und ihnen wurde im außerhalb gelegenen Hotel mitgeteilt, sie sollten aus der Innenstadt mit dem Zug zum Stadion fahren. Da die beiden allerdings zum ersten Mal öffentliche Verkehrsmittel benutzten, waren sie froh in der Stadt doch noch kostenlose Shuttle-Busse vorzufinden. Doch neben der Klischees von Gewicht und öffentlichem Personennahverkehr benahmen sich die beiden so überhaupt nicht wie "Rednecks". Kein Wunder: Thomas Ur-Großeltern wanderten einst aus Irland aus, weil ihre Eltern gegen eine Hochzeit waren. In New York angelandet, gingen die beiden direkt zum Standesamt, die Ehe hielt bis ans Lebensende und ihre Ahnen kehren nun zurück.
Und auch wenn dies das nächste Klischee zu sein scheint, ist es doch exakt der Hintergrund der Partie zwischen Navy und Notre Dame. Denn Sponsor des Spiels ist eine Veranstaltung namens "The Gathering". Das ehrgeizige Projekt startet am 1. Januar 2013 um 12 Uhr und endet am 31. Dezember des gleichen Jahres um die selbe Uhrzeit. Während des Jahres soll nach dem Willen der Organisatoren jeder Mensch mit irischen Wurzeln in seine Heimat zurückgekehrt sein und sich mit seiner Herkunft beschäftigt haben. Was die Stadt an diesem Wochenende erlebt, ist ein – sehr komprimierter – Vorgeschmack auf dieses Event.
Denn auch in Galway oder Limerick sind die Auswirkungen der Reisewelle von jenseits des Atlantiks in den Tagen rund um das Spiel zu spüren. Touristen, denen sonst gerne ans Herz gelegt wird, abseits der Stoßzeiten zu erscheinen, wird mit einem ratlosen Achselzucken gestanden, dass es im Moment einfach immer und überall lange Schlangen gibt. Und das ist, auch hier versagt das Vorurteil, nicht nur vor dem Guinness Storehouse und der Jameson Distillery so. Auch das "Book of Kells" und der lange Bibliothekssaal des Trinity College sind heiß begehrt. Dabei ist allerdings ein gewisser Altersunterschied deutlich zu spüren.
Legen die Jüngeren, zumeist Midshipmen, ihren hartverdienten Sold vor allem nach dem Spiel im legendären Temple Bar District in einheimische Brauspezialitäten an, sind die mitreisenden Fans von Notre Dame doch oft schon deutlich älter, gesetzter und wohlhabender. Da ist bei Jameson dann auch nicht der Whiskey interessant, sondern das Golfzubehör im Gift-Shop, für das man gerne 300 Euro hinblättert.
Es ist diese Vielfalt an allen Fronten, die die Bildung selbiger verhindert. Dieses Phänomen lässt sich sogar am Abend vor dem Spiel beim Fußball beobachten. Auch wenn keine 1.000 Zuschauer zum Spiel der ersten irischen Liga zwischen Shelbourne FC und Derry FC (Nordirland) erscheinen. Selbst hier begrüßt der Stadionsprecher die Gäste aus Übersee, die zwar kein gutes Spiel aber wiederum eine Menge Gastfreundschaft erleben. Aber wie sollte es auch anders sein, an einem Ort, wo selbst der Nordirlandkonflikt inzwischen keine spürbare Rolle mehr spielt.
So können auch die Sicherheitskräfte völlig entspannt bleiben. Beim Tailgating in der Innenstadt ermahnt die Garda die Leute maximal, ihren Müll bitte in die dafür vorgesehenen Behälter fallen zu lassen. Im Stadion versucht ein Vater kurz vor Ende des Spiels seinen als Leprechaun verkleideten, etwa 5-jährigen Sohn auf Feld zu schicken. Kurz vor der Seitenlinie sammelt ihn ein Ordner ein und übergibt ihn kurzerhand wieder der Obhut seines Erziehungsberechtigten. Es ist der Ordner, dem der deutlich amerikanisch akzentuierte Unmut des Publikums entgegenschlägt und der sich fragen lassen muss, ob seine Eltern auf ihn stolz seien. Der Vater des grünen Gnoms ist es und trägt seinen etwas verwirrten Sprössling zurück auf die Tribüne. Ansonsten ist die Präsenz der Polizei überhaupt nicht spürbar. Kein Vergleich zu Bundesligaspielen in Deutschland oder auch der NFL in London.
Es ist sowieso vieles anders als beim Besuch der Profiliga in der englischen Hauptstadt. In der Metropole ist das Spiel im Wembley Stadion nur eine weitere Zirkusnummer. Irgendwo zwischen Olympia, Champions-League-Finale, königlicher Hochzeit und dem ganz normalen Wahnsinn einer 8-Millionen-Stadt. Tailgating beschränkt sich dort auf den Parkplatz vor der Arena. Auf dem Weg dorthin fällt einem erst wenige Stationen vor Wembley Park die Häufung der Jerseys auf. Die Bevölkerung von Dublin ist dagegen an diesem Wochenende um mehr als fünf Prozent gewachsen. Tailgating und Pep Rally sind für alle zugänglich, die Marching Band von Notre Dame zieht durch Temple Bar. Croke Park, wo Navy und Notre Dame sich in den 90ern trafen und auch die Steelers und die Bears ein Preseason-Match austrugen, bemüht sich um eine baldige Rückkehr des American Footballs in die Stadt, dann der NFL. Das Stadion fasst 82.000 Zuschauer, kann also mit Wembley mithalten und wurde zuletzt 2003 modernisiert. Die Voraussetzungen stimmen somit im Grunde genommen. Die Stadt und das Event an sich hätten es verdient, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.
Die unterschiedlichsten Menschen haben sich an diesem Wochenende in Dublin kennengelernt. Oder noch besser kennengelernt. Sei es der Teamkollege oder der Kamerad. Und sie haben eine andere Kultur kennengelernt. Sei es die der Gastgeber oder die der Besucher. Viele Gründe haben dazu geführt, dass an diesen Tagen im direkten Kontakt Vorurteile abgebaut wurden und alle aufeinander zugehen konnten. Letztlich dürfen sich wohl alle Beteiligten für einen gelungenen Beitrag zur Völkerverständigung auf die Schultern klopfen.
Apropos: "Grant P. US Marine" gelingt zu diesem Thema noch ein ganz besonderer Beitrag. Hatte er anfangs noch deutlich Schlagseite und wirkte so allein in der Fremde ziemlich verloren, lässt er sich letztlich bereitwillig von den viel zu blonden Haaren an der Hand nehmen und in die Dubliner Vorstadt entführen. Ein halber Straßenbahnwagon grinst wissend. "The Gathering" im ganz Kleinen und vielleicht ein Grund mal als Zivilist zurückzukehren...
Garn - 05.09.2012

Nicht nur das Irland-Bild der Notre Dame Marching Band war beeindruckend. (© Garn)
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