We are... Penn State
Nüchtern betrachtet, war das Duell zwischen den Penn State Nittany Lions und den Nebraska Cornhuskers aufgrund der Positionen im BCS-Ranking ganz einfach das Spitzenspiel dieses Wochenendes in der Big Ten. Im Spiel des jüngsten Mitglieds der Conference gegen das Team mit dem dienstältesten Trainer im gesamten College-Football, sollte das frische Blut am Ende die Oberhand behalten und Nebraska mit 17:14 siegen.
Doch halt! Der dienstälteste Trainer des College-Footballs, Joe Paterno, stand nicht an der Seitenlinie der Nittany Lions. Zum ersten Mal seit dem 4. Dezember 1965 war der Mann mit den meisten Siegen als Trainer eines NCAA Football Teams (409) nicht als Head Coach von Penn State involviert. Sein erstes Spiel im Trainerstab der Nittany Lions datiert sogar vom 19. November 1949. Im Beaver Stadium ging mit dieser Partie also eine Ära zu Ende, eine die es so wohl kaum noch einmal geben wird. „Nüchtern betrachtet“ wurde hier also verständlicherweise gar nichts.
Was die Sache noch schwieriger machte – und macht –, sind die Umstände die zum Ende der Amtszeit von JoPa führten. Und natürlich auch die Dinge, die im Anschluss passierten. Es war ohne Übertreibung die schlimmste Woche in der Geschichte der Universität: Ins Rollen kamen die Ereignisse mit der Verhaftung des ehemaligen Defensive Coordinators Jerry Sandusky im Zusammenhang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Ein so sensibles und emotional aufgeladenes Thema, dass wohl verständlich ist, warum letztlich niemand wirklich in der Lage war, das Spiel, das komplett im Schatten dieser Ereignisse stand, nüchtern zu betrachten. So versammelten sich die Spieler und weitere Angehörige beider Teams vor der Partie auch in der Mitte des Spielfelds um gemeinsam für die Opfer zu beten. Im Block der Penn State-Studierenden wurde eine blaue Schleife als Zeichen der Solidarität mit den insgesamt acht ehemaligen Schülern geformt, die von Sandusky belästigt worden sein sollen.
Die große Frage bleibt jedoch: Sind diese Gesten ausreichend? Hätte das College das Spiel angesichts der Vorkommnisse nicht absagen müssen? Vielleicht sogar das Team für die gesamte Saison vom Spielbetrieb zurückziehen müssen? Wäre das nicht die angemessene Reaktion gewesen, anstatt Paterno zu feuern, der von den Vorwürfen wusste, sie an seine Vorgesetzten gemeldet und dann mit deren Tatenlosigkeit gelebt hatte? Schon unter der Woche gingen die Meinungen – und deren Ausdrucksweise – in diesen Punkten weit auseinander. Von Mahnwachen vor Paternos Haus bis zu handfesten Ausschreitungen auf dem Campus war alles Vertreten. Am Samstag fand sich dann vor dem Stadion aber nur ein verlorener Protestler, der für eine Spielabsage demonstrierte. Nicht nur er war verwundert, dass nicht mehr Menschen diesen Weg gewählt hatten. Die vereinzelten giftigen Kommentare, die er sich gefallen lassen musste, könnten eine Erklärung für die fehlenden Mitstreiter gewesen sein.
Vielleicht hatte sich aber auf dem Campus auch das Gefühl durchgesetzt, dass es bei einem Rückzug des Programms so ausgesehen hätte, als wolle man das Thema totschweigen. Tatsächlich wandelten die Fans im Stadion auf einem spürbar schmalen Grad zwischen der Unterstützung des Teams – sowie dem spürbar allgegenwärtigen Joe Paterno – und den Opfern der Übergriffe. Der Kompromiss, der sich letztlich durchsetzte, war der Schlachtruf „We are... Penn State“. Sowohl Team als auch Opfer dürfen sich angesprochen fühlen, dass die große Masse mit ihnen fühlt. Und es ist auch eine gehörige Portion Trotz mit dabei. Es soll weitergehen mit den Nittany Lions. Auch ohne Joe Paterno. Auch mit dem emotionalen Rucksack der schweren Vorwürfe auf dem Rücken. Am Anfang stand eine Niederlage. Vielleicht ist das gar nicht so verkehrt, denn in dieser Geschichte gibt es keine Sieger. Wenn überhaupt dann nur auf ganz lange Sicht: Wenn die Öffentlichkeit am Ende aufmerksamer mit dem Thema Kindesmissbrauch umgeht, wenn es gelingt den Opfern zu helfen und kommende zu vermeiden. Gelingt es, die richtigen Lehren aus diesem beispiellosen Skandal zu ziehen, werden auch die Siege der Nittany Lions, die es sicherlich schon viel früher wieder geben wird, keinen faden Beigeschmack mehr haben.
© Garn - 13.11.2011

Vor dem Spiel beteten beide Teams für die Opfer. (© Getty Images)
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